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Forschung: Wie Aufenthalte am See oder Meer dein Gehirn verändern und dich ruhiger und stärker machen

Wasser hatte schon immer eine große Bedeutung für die Menschen. Nicht nur als Mittel gegen den Durst. Flüsse galten als heilige Orte. Für alte Heilmethoden wie Ayurveda ist es ein Symbol für Erneuerung und Harmonie. Noch heute suchen wir im Urlaub besonders gern am Wasser Frieden, Entspannung und Klarheit. An einem großen Gewässer ist immer etwas Magisches. Zum Beispiel ein Abschnitt des Ozeans entlang der Küste mit unendlichen Wellen, ein großer flacher See im Nebel des frühen Morgens oder ein ruhiger, dunkler See am Fuße eines Wasserfalls. Ein Fluss, der auf seinem Weg zum Ozean vorbeifließt. All das sind die unglaublichen Beruhigungsmittel der Natur.

Diese Ahnung ist viel älter als jede Studie. Wasser steht in nahezu jeder Kultur für Reinigung und Neubeginn. Die Römer bauten ihre Thermen, die Japaner ihre Onsen, und rituelle Tauchbäder gibt es bis heute in fast jeder Religion. „Blue Mind“ ist nur ein moderner Name für etwas, das Menschen seit Jahrtausenden suchen.

Irgendwann kam auch die Medizin darauf. Im Jahr 1750 veröffentlichte der englische Arzt Richard Russell eine Schrift über die Wirkung von Meerwasser und schickte seine Patienten an die Küste. Aus dem verschlafenen Fischerort Brighton wurde daraufhin ein Kurort. Im 19. Jahrhundert war die Seekur in England längst ein Massenphänomen. Ärzte verordneten Seeluft und Seebäder gegen fast alles, was sie sich nicht erklären konnten.

Vieles davon war Zeitgeist und ist heute überholt (Russell ließ seine Patienten das Meerwasser auch trinken, was wir hiermit ausdrücklich niemandem empfehlen). Der Kern aber hat sich gehalten. Und inzwischen schaut die Forschung deutlich genauer hin.

Aus eigener Erfahrung wissen wir intuitiv, dass es sehr gesund ist, nahe am Meer zu sein. Heute zeigt die Wissenschaft auch, dass der Ozean positives und kreatives Denken anregt. Er reduziert Ängste und fördert mitfühlendes Denken.


Zusammengetragen hat diese Forschung der Meeresbiologe Wallace J. Nichols. Im Jahr 2014 erschien sein Buch „Blue Mind: Die überraschende Wissenschaft, die zeigt, wie nahe, in, auf oder unter Wasser zu sein, dich glücklicher, gesünder und verbundener machen kann“. Nichols starb im Juni 2024. Seine Arbeit prägt das Feld bis heute.

Er schrieb:

Wir alle haben einen blauen Geist, und er ist perfekt darauf zugeschnitten, uns auf vielerlei Weise glücklich zu machen. Das geht weit über das Entspannen in der Brandung hinaus, über das Rauschen eines Stroms oder das ruhige Schwimmen im Pool…

„Blue Mind“ ist definiert als „ein sanft meditativer Zustand, der durch Ruhe, Friedlichkeit, Einheit sowie ein Gefühl von allgemeinem Glück und Zufriedenheit mit dem Leben im Moment gekennzeichnet ist. Er ist von Wasser inspiriert, ebenso wie von den Elementen, die mit Wasser verbunden sind, von seiner blauen Farbe bis zu den Wörtern, die für die Beschreibung der Empfindungen verwendet werden, die mit dem Eintauchen verbunden sind.“

Wenn wir in der Nähe von Wasser sitzen und es betrachten, erleben wir diesen Zustand. Er beinhaltet auch eine achtsame Verfassung, in der unser Gehirn entspannt und zugleich fokussiert ist.

In einem der zahlreichen TEDx-Talks zu diesem Thema erklärte Nichols, dass Wasser enorme kognitive, emotionale, psychologische und soziale Vorteile mit sich bringt.

Er erklärte:

Die Natur ist die Medizin des Menschen. Ein Spaziergang am Strand, Surfen, ein Spaziergang durch den Wald, das heilt uns. Es behebt auch das, was in uns zerbrochen ist. Die Natur kann unseren Stress reduzieren, uns kreativer machen und uns zusammenbringen.

Der Autor sprach auch von dem Gefühl der Ehrfurcht, das wir spüren, wenn wir am Strand auf das Wasser zugehen. Ein allgemeines Gefühl, das durch seine Forschung bestätigt wurde.

Das Gefühl der Ehrfurcht bewegt sich von einer „Ich“-Perspektive zu einer „Wir“-Perspektive. Ehrfurcht und Staunen, sowie Leidenschaft übernehmen im Wasser. Es gibt auch ein Gefühl der Verbindung zu anderen Menschen.

Die Nähe des Ozeans ist eine natürliche Wahl für viele bedeutsame Ereignisse, Feiern und Zeremonien in unserem Leben. Es ist auch kein Wunder, dass viele Menschen ihr ganzes Leben davon träumen, sich am Meer zurückzuziehen.

Einige Forscher der Universität von Exeter haben herausgefunden, dass Menschen gesünder sind, wenn sie näher an der Küste leben. Sie schauten sich Daten von rund 48 Millionen Menschen in England aus der Volkszählung von 2001 an und verglichen, wie nah die Menschen am Meer gelebt haben und wie glücklich sie waren.

Bildquelle

Schon eine einfache Sicht auf den Ozean kann die psychische Gesundheit eines Menschen steigern.

Forscher der Canterbury University, der Otago University und der Michigan State University in den USA haben eine weitere Studie durchgeführt. Darin untersuchten sie die Beziehung zwischen der psychischen Gesundheit eines Menschen und der Exposition gegenüber dem grünen und blauen Raum. Blauer Raum bezieht sich dabei auf die Sichtbarkeit von Wasser. Nach den Ergebnissen der Studie trägt die Fähigkeit, den Ozean zu sehen, zum Wohlbefinden bei und senkt den Stresspegel.

Es gibt inzwischen tatsächlich einige beeindruckende Nachweise, wie gut Aufenthalte an Gewässern unserem Gehirn tun.

Der Meeresbiologe Dr. Wallace J. Nichols beschreibt in seinem Buch „Blue Mind“ zusammenfassend folgende 4 Dinge, die passieren, wenn wir uns an Gewässern aufhalten:

1) Wasser entspannt den Geist

Tagein, tagaus überfluten uns Informationen. Vor allem sinnlose und unwichtige. Am Wasser zu sein befreit unser überfordertes Gehirn von dieser Überstimulation. Zum einen, weil dort visuell und akustisch zwar etwas passiert, die Wellen bewegen sich und platschen, aber eben weniger und einfacheres als in der hektischen Stadt, in einem Gerümpelzimmer, am Computer oder vorm Fernseher, wo unsere Augen und Ohren Tausende von Details verarbeiten müssen.

Zum anderen wegen der Farbe Blau, die für uns Menschen eine ganz besondere Rolle spielt. Marketingpsychologen haben schon vor Jahrzehnten erforscht, wie uns Blaues anzieht, weil es Ruhe auslöst, Heilung begünstigt und Gefühle von Offenheit, Tiefe und Weisheit sowie Zufriedenheit mit dem Moment hervorruft.

Das Bemerkenswerte daran: Du kannst es an deinem eigenen Körper beobachten. Die Geographin Catherine Kelly beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Blauräumen und berät Regierungsprogramme dazu. Sie beschreibt, was am Wasser mit uns geschieht: Die Schultern sinken. Gesicht und Augen werden weich. Die Atmung wird langsamer.

Wir konzentrieren uns, und gleichzeitig konzentrieren wir uns eben nicht. Kelly nennt das einen Zustand des Treibens. Unser Alltag verlangt uns dagegen fast durchgehend gerichtete Aufmerksamkeit ab, meist auf Bildschirme. Genau das macht das Gehirn müde.

2) Wasser versetzt uns in einen meditativen Zustand

Man könnte stundenlang dasitzen und einfach auf den Fluss oder den See oder das Meer schauen, die Bewegungen verfolgen, die uns auf so sanfte Weise faszinieren. Psychologen sprechen im Gegenzug von „harter Faszination“, wenn wir zum Beispiel einen Actionfilm schauen oder Videospiele spielen.

Der Grund liegt in einem schönen Widerspruch. Wasser verändert sich ununterbrochen und verlangt trotzdem nichts von uns. Wellen, Lichtreflexe, Strömung, das Spiel hört nie auf und wird nie langweilig. Unser Geist bekommt Beschäftigung, ohne dafür arbeiten zu müssen.

Nachweislich bringt uns das ohne Mühe in einen Zustand der Meditation, von Fokus und Achtsamkeit. Und das wiederum verringert den Stress, befreit uns zumindest von milden Formen von Angst, Depressionen und Schmerzen, bringt uns mentale Klarheit und lässt uns hinterher besser schlafen.

Ein Teil davon lässt sich sogar messen. Untersuchungen zu Naturaufenthalten finden danach teilweise niedrigere Werte von Cortisol, dem wichtigsten Stresshormon unseres Körpers. Ganz eindeutig ist die Datenlage hier allerdings noch nicht, denn Cortisol schwankt über den Tag hinweg stark, was solche Messungen schwierig macht.

Klarer zeigt sich ein anderer Wert. In einer Vergleichsstudie lag die Herzfrequenz der Teilnehmer am Wasser niedriger als in städtischer Umgebung. Der Körper fährt also tatsächlich herunter, nicht nur das Gefühl.

3) Wasser macht uns kreativer

Durch den Entzug vom Übermaß an Informationen wechselt unser Gehirn in das sogenannte Default Mode Netzwerk („Ruhezustandsnetzwerk“). Eine Gruppe von Hirnregionen wird aktiviert, sodass wir unsere Gedanken besser schweifen lassen, tagträumen und fantasieren können. Das Gehirn verarbeitet Erfahrungen und knüpft neue, unerwartete Verbindungen, was extrem wichtig für Kreativität ist.

Sogar die Schmalspur-Variante des Wassers ist förderlich. „Die Dusche“, so Nichols, sei „ein guter Vertreter für den Ozean“. Eine Art Mini-Urlaub.

Und das lässt sich erweitern. Ein kalter Abschluss unter der Dusche. Der Teich im Park auf dem Heimweg. Der Fluss, an dem du sonst nur vorbeihetzt. Ein See am Wochenende. Für diesen Effekt brauchst du keine Küste, sondern nur Wasser und ein paar Minuten ohne Bildschirm.

4) Wasser lässt uns verbunden fühlen

Während wir uns am Wasser aufhalten und in einen erholsamen, versunkenen Zustand gelangen, treten oft besondere Emotionen auf. Wir staunen und atmen die Weite ein. Wir fühlen uns verbunden mit uns selbst wie auch mit der Natur, mit etwas, das ewiger und größer ist als wir selbst. Das gibt uns Kraft und neues Vertrauen.

Vielleicht liegt genau darin der Kern. Nach Stunden zwischen Bildschirmen, Wänden und Straßen öffnet sich am Wasser buchstäblich der Blick. Wasser beruhigt uns womöglich nicht nur, weil wir Wasser sehen, sondern weil dahinter wieder Weite beginnt.

„Wasser verschiebt unsere Wahrnehmung vom Getrennt-Sein zum Eins-Sein, vom Ich zum Wir“, schrieb Nichols. Ein Grund, so der Autor, warum romantische Momente wie Picknicks, Verlobungen und Hochzeiten nicht nur in Filmen so gern an Ufern stattfinden.

Aus der Theorie ist längst Praxis geworden

Als Nichols sein Buch schrieb, war „Blue Mind“ vor allem eine schöne Idee mit ersten Belegen. Inzwischen arbeiten Menschen ganz praktisch damit.

Sophie Pyne leitet in Kalifornien ein Programm, das Surfen in der Begleitung von Suchterkrankungen einsetzt. Als sie 2022 zum ersten Mal auf eine Fachkonferenz solcher Organisationen fuhr, zählte sie knapp 50 vergleichbare Programme. Heute sind es über 100, verteilt über die ganze Welt, und es werden jedes Jahr mehr.

Die Forschung ist mitgewachsen. Eine systematische Übersichtsarbeit von Britton und Kollegen wertete 33 Studien mit zusammen 2.031 Teilnehmern aus. Am häufigsten untersucht wurden Surfen, Drachenboot-Rennen und Segeln, überwiegend an Küsten, teils auch an Flüssen und Seen.

Das Fazit der Autoren: Solche Angebote können der Gesundheit direkt nützen, vor allem der psychischen Gesundheit und dem sozialen Wohlbefinden. Berichtet wurden mehr Selbstvertrauen, ein stärkeres Gefühl von Zugehörigkeit und weniger Stress, besonders bei Veteranen mit posttraumatischer Belastungsstörung. Wie lange diese Effekte anhalten, ist bisher kaum untersucht.

Auch unter der Oberfläche tut sich etwas. Beim Tauchen und Freitauchen kommt die Schwerelosigkeit dazu, ein Zustand, den unser Körper sonst nirgends kennt. Erste Angebote nutzen genau das, um das Nervensystem wieder in Balance zu bringen.

Wichtig bleibt dabei eines: Diese Programme laufen neben der eigentlichen Behandlung, nicht an ihrer Stelle. Wer mit Angst, Depression oder einer Sucht ringt, findet am Wasser einen starken Verbündeten. Einen Ersatz für ärztliche und therapeutische Hilfe findet er dort nicht.

Wie so oft bestätigt die Wissenschaft am Ende etwas, das viele Menschen längst gespürt haben. Niemand sucht das Wasser, weil eine Studie es empfohlen hat. Wir suchen es, weil dort etwas mit uns passiert, das wir sonst nur schwer bekommen.

Neu ist nur, dass wir inzwischen ziemlich genau beschreiben können, was das ist. Und dass aus dieser Erkenntnis Angebote geworden sind, die Menschen wieder auf die Beine helfen.

Du brauchst dafür kein Meer vor der Tür. Der nächste Fluss reicht. Setz dich hin, schau eine Weile aufs Wasser und lass die Schultern sinken. Dein Körper weiß schon, was er damit anfangen soll.


Quellen: https://msutoday.msu.edu/news/2016/ocean-views-linked-to-better-mental-health/ https://www.theguardian.com/environment/2026/jul/08/blue-space-therapy-sea-helping-trauma-anxiety-addiction https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7245048/ https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7967635/

Empfehlungen zum Thema:

Wenn du tiefer in das Thema die heilende Kraft des Wassers einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Buch „Blue Mind“*, die Wissenschaft hinter der Ruhe am Wasser.
2) Buch über Waldbaden und Naturheilkraft*, Natur als Medizin für dein Nervensystem.
3) Meditationskissen*, dein stiller Platz, auch wenn das Meer weit weg ist.

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