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Inspirationen und Weisheiten☼ Bewusst Leben und Wohnen

Diese Frau lebt seit über 30 Jahren abgekoppelt vom Versorgungsnetz

Lerne Jill Redwood kennen, seit mehr als 30 Jahren lebt sie völlig abgekoppelt vom Versorgungsnetz in einem Haus, das sie aus recycelten Holzresten und Kuhdung selbst gebaut hat, für umgerechnet etwa 3000 Dollar. Ihre Geschichte zeigt, wie erfüllend ein radikal einfaches Leben sein kann, wenn wir den Mut haben, vieles loszulassen, was uns angeblich zum Glück fehlt.

verjim

In Zeiten, in denen viele von uns kaum noch einen Tag ohne Supermarkt, Stromanschluss und Smartphone denken können, wirkt das Leben von Jill Redwood wie eine leise Provokation. Die australische Schriftstellerin und Umweltaktivistin hat sich vor mehr als drei Jahrzehnten aus dem System verabschiedet, nicht laut, nicht dogmatisch, sondern beharrlich, freundlich und auf eine Weise, die sich nicht mehr zurückdrängen lässt. Wer ihre Geschichte liest, steht unweigerlich vor der Frage: Wie viel von dem, was wir täglich für selbstverständlich halten, brauchen wir wirklich?

Jill lebt auf rund sechs Hektar Land am Rand des Waldes in East Gippsland im australischen Bundesstaat Victoria. Keine Stromleitung, kein fließendes Wasser aus der Leitung, kein Handyempfang, kein Fernseher. Stattdessen Solarpaneele, ein lokaler Bach und die unendliche Geräuschkulisse des Regenwaldes. Was für viele nach Entbehrung klingt, ist für sie schlicht ihr Zuhause, und sie erlebt es als das reichste Leben, das sie sich vorstellen kann.

Ein Haus aus dem, was andere wegwerfen

Jill hat ihr Haus mit eigenen Händen gebaut. Die Wände sind aus Holzresten gefertigt, verputzt mit einer Mischung aus Lehm und Kuhdung, eine Bauweise, die in vielen Kulturen der Welt seit Jahrtausenden praktiziert wird und sich als ausgesprochen langlebig, atmungsaktiv und feuchtigkeitsregulierend erwiesen hat. Die Gesamtkosten für ihr Haus lagen bei etwa 3000 Dollar. Zum Vergleich: In Deutschland und Österreich kostet der bloße Quadratmeterpreis für Bauland im Durchschnitt mehr als diese Summe.

Was sie zeigt, ist nicht Armut, sondern ein anderer Blick auf Wohlstand. Der Weg nach unten, was das Konsumniveau betrifft, führt bei ihr nach oben, was Lebensqualität betrifft. Das steht in bemerkenswertem Kontrast zu einer Gesellschaft, in der viele Menschen jahrzehntelang Kredite abbezahlen, um in Häusern zu wohnen, die kaum mehr Luft zum Atmen lassen.


Ihr Garten ist ihr Bio-Supermarkt

Jill mag keine Supermärkte. Sie isst fast ausschließlich, was auf ihrem Land wächst. Ihr Garten liefert Gemüse, Obst, Kräuter und Beeren das ganze Jahr über, angepasst an die australischen Jahreszeiten und mit einem Wissen über ihren Boden, das sich in drei Jahrzehnten täglicher Beobachtung aufgebaut hat. Rund 80 australische Dollar pro Woche, das sind je nach Kurs etwa 50 bis 55 Euro, reichen ihr für alles, was sie zusätzlich braucht.

Diese Form des Anbaus ist weit mehr als nostalgische Landidylle. Sie entspricht den Prinzipien der Permakultur, einer von den australischen Pionieren Bill Mollison und David Holmgren in den 1970er Jahren entwickelten Gestaltungsphilosophie. Kernidee: natürliche Kreisläufe beobachten, nachahmen und die Arbeit der Natur überlassen, wo immer möglich. Permakultur-Systeme können bei gleicher Fläche mehr Biomasse, mehr Artenvielfalt und mehr Bodenaufbau erzeugen als industrielle Landwirtschaft, und das ohne Pestizide oder Kunstdünger.

Solarstrom, Bachwasser, ein Kühlschrank aus Erde

Die Solarpaneele auf dem Dach erzeugen so viel Strom, wie sie für das Nötigste braucht, Licht, Laptop, ein kleiner Kühlraum. Wasser holt sie aus dem nahen Bach, teils per Hand, teils über ein einfaches Rohrsystem, das das Gefälle nutzt. In der Vorratskammer lagern eingemachte Tomaten, selbstgetrocknete Kräuter, Marmeladen, Kartoffeln aus der Ernte des vorigen Herbstes. Nichts davon ist romantische Folklore, sondern schlicht funktionierendes, handwerkliches Haushalten.

Für viele Menschen ist genau das ein Schock: Jill hat ein Leben, das sich von selbst trägt, ohne Gehalt, ohne Hypothek, ohne ständiges Mehr-Verdienen-Müssen. Die Mechanismen, die die meisten von uns von klein auf verinnerlicht haben, greifen bei ihr nicht. Und doch ist sie alles andere als armselig.

Über sechzig Tiere als Mitbewohner

Menschen, die sie nicht kennen, vermuten oft, sie müsse einsam sein. Doch Jill teilt ihr Leben mit über sechzig Tieren, Hühnern, Enten, Gänsen, Hunden, Katzen, und in gewisser Weise auch mit den Wallabys, Opossums und Papageien, die den umgebenden Wald bevölkern. Sie beobachtet sie, kennt ihre Stimmen, ihre Gewohnheiten, ihre kleinen Dramen. Wer einmal erlebt hat, wie still es in einem Haus ohne Fernseher und Handyklingeln werden kann, versteht, dass in einer solchen Stille das Leben rundherum plötzlich sehr laut und sehr lebendig wird.

Seit vielen Jahren engagiert sich Jill zudem für den Schutz der australischen Urwälder, insbesondere gegen den industriellen Holzeinschlag in den Mountain Ash Wäldern Ost-Victorias. Sie schreibt, recherchiert, fotografiert, protestiert. Ihr Leben ist nicht abgeschieden im Sinne von passiv, sondern konzentriert im Sinne von wirkungsvoll.

Was die Forschung über ein Leben wie ihres sagt

Man könnte Jills Leben für eine hübsche Ausnahme halten. Doch die Forschung zur Wirkung von Natur und Einfachheit auf uns Menschen zeigt seit Jahren in genau die gleiche Richtung, in die Jill instinktiv gegangen ist. Der amerikanische Biologe E. O. Wilson hat das Konzept der Biophilie geprägt, die angeborene Anziehung des Menschen zu anderem Leben und zu natürlichen Umgebungen.

Studien zum japanischen Shinrin-yoku, dem Waldbaden, zeigen, dass schon regelmäßige Waldaufenthalte Stresshormone senken, den Blutdruck stabilisieren und die Aktivität natürlicher Killerzellen des Immunsystems messbar erhöhen. Forschungen des US-Psychologen Tim Kasser zur materialistischen Lebensweise kommen zu dem Schluss, dass Menschen, die ihre Erfüllung in Besitz und Status suchen, im Durchschnitt weniger zufrieden sind, mehr unter Angst und Depression leiden und schwächere soziale Bindungen haben als Menschen, die ihren Wert aus Beziehungen, Sinn und Naturverbundenheit schöpfen.

Was viele Menschen längst ahnen, bestätigt sich hier sehr nüchtern: Die Wegwerfgesellschaft macht nicht glücklicher, sie macht erschöpfter. Jill lebt nicht trotz ihrer Einfachheit gesund, sondern wegen ihr.

Vom Blueprint zum Alltag, was wir mitnehmen können

Nicht jeder von uns kann oder will wie Jill leben. Und genau darum geht es auch nicht. Ihre Geschichte ist keine Aufforderung auszusteigen, sondern eine Einladung, bewusster hineinzugehen in das eigene Leben. Ein paar konkrete Schritte, die du dir aus ihrem Weg abschauen kannst, ohne dein Haus verlassen zu müssen:

1) Eine Mahlzeit pro Tag aus eigener Hand. Ein selbst gezogener Salat vom Balkon, Kräuter aus dem Fensterbrett, eine Suppe aus Gemüse vom Wochenmarkt direkt vom Erzeuger. Je weniger Lebensmittel-Kilometer zwischen dir und deiner Nahrung liegen, desto mehr lebendige Qualität kommt auf deinen Teller.

2) Einen Tag pro Woche ohne Bildschirm. Kein Handy, kein Fernseher, kein Laptop. Erst wenn du es versuchst, bemerkst du, wie sehr diese Geräte den inneren Raum füllen. Was sich in der Stille zeigt, ist oft klarer und wichtiger als alles, was ein Feed uns gibt.

3) Ein Ding weniger pro Woche. Nicht eines mehr, sondern eines weniger. Schenken, verkaufen, weitergeben, was nicht mehr gebraucht wird. Wer weniger besitzt, besitzt plötzlich auch weniger Verpflichtungen.

4) Wasser, Licht und Atem bewusst wahrnehmen. Einmal am Tag kurz innehalten und bemerken, woher das Wasser kommt, das wir trinken, und wem wir es verdanken. Diese kleine Geste verändert mit der Zeit das Verhältnis zu allem, was uns trägt.

5) Einen Baum oder eine Pflanze pflegen. Nichts erdet so sanft wie die Beobachtung eines Lebewesens, das wächst, stiller und beständiger als wir. Auch ein einzelner Balkontopf kann ein Anfang sein.

Die stille Herausforderung ihrer Geschichte

Jill Redwood ist kein Wundermensch, keine Heilige, keine Aussteigerin aus einem Werbekatalog. Sie ist eine Frau, die sich entschieden hat, weniger zu verbrauchen, mehr zu leben und ihren Ort auf dieser Erde zu ehren. Was sie uns zeigt, ist nicht die einzig richtige Form zu leben, sondern dass es überhaupt möglich ist, eine andere Form zu wählen.

In einer Zeit, in der wir uns fragen, wie unsere Kinder und Enkelkinder leben werden, wie mit dem Klima, mit den Böden, mit der immer lauteren Reizflut umgehen, sind Stimmen wie ihre keine Kuriositäten, sondern stille Wegweiser. Vielleicht liegt das wirklich Revolutionäre nicht im großen Umsturz, sondern in tausend kleinen, konsequenten Entscheidungen, wie sie ein Tag nach dem anderen bei ihr nimmt.


Empfehlungen zum Thema:

Wer Jills Weg mit einem eigenen Stück Autarkie und mehr Naturverbundenheit im Alltag verbinden möchte, findet hier die besten Begleiter zu diesem Thema, handverlesen und aus voller Überzeugung empfohlen:
1) Permakultur-Praxishandbuch, Gestalten mit der Natur*, ein umfassender Einstieg in die Gestaltung naturnaher Gärten und Lebensräume nach Mollisons und Holmgrens Prinzipien.
2) Walden oder Leben in den Wäldern von Henry David Thoreau*, das zeitlose Grundbuch über die Kunst, mit wenig tief zu leben, Thoreau verbrachte zwei Jahre allein in einer Hütte am Walden Pond.
3) Selbstversorgung aus dem Garten*, ein praxisnaher Ratgeber mit Pflanzplänen, Vorratskunde und bewährten Techniken für das ganze Gartenjahr.
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Lisa
Lisa
4 Jahre vor

Hallo Gerd,
ich lebe auch seit 6 Jahren auf den Kanaren uns seit 3 Jahren als Aussteigerin in einem Wohnwagen.
Ich würde gerne rein interessehalber mit dir in Verbindung treten. Wenn du möchtest, melde dich bei Gelegenheit bei mir. (634327856)
Liebe Grüße Lisa

Bernhard
Bernhard
4 Jahre vor

Unter solchen günstigen klimatischen Bedingungen ist dies möglich. Sie brauch ja da auch fast keine Energie.
>> Gebt mir einen solchen Platz an der Sonne, und ich mach das auch ! <<

Klaus
Klaus
5 Jahre vor

Jo, alles schön – könnte ich mit ansatzweise vorstellen, unsere grünen Federfreunde sowieso. Aber irgend jemand hat auch die Solarpanels industriell gefertigt, die metallenen Wellbleche und Küchengeräte, die praktische Weste aus Kunstfaser, die Edelstahlspüle, die Metallgitter zum Schutz der Pflanzen. Rein mengenmäßig gesehen muss es also ein Menge Menschen geben, die „konventinel“ leben, um das zu ermöglichen. Sprich: nicht viele könnten tatsächlich so leben – es sei denn viel viel viel ärmlicher und weit weniger romantisch. Mal ganzganzganz böse gesehen, könnte auch als eine Art Ausbeutung durchgehen…

Corinna
Corinna
4 Jahre vor
Antwort auf  Klaus

Das stimmt, aber auch wieder nicht. Arbeitsteilung und Spezialisierung gibt es schon sehr lange… spiegelt sich v.a. in Europa in den Familiennamen wider. Ohne Müller, Schmied, Weber und Bauer konnte kein Dorf funktionieren. Diese Dame müsste halt als Gegenleistung z. B. ihre landwirtschaftlichen Erträge in den Wirtschaftskreislauf einbringen, dann wäre es gleich nicht mehr ganz so „egoistisch“. Da ihre Kernkompetenz aber das Schreiben zu sein scheint, bringt sie eben das ein, auch wenn die Nachfrage danach auf dem Markt vermutlich vergleichsweise gering ist.
Die Zerstörung des Handwerks und funktionierender Dorfgemeinschaften ist m. E. das größte Problem seit der Industrialisierung.

Al
Al
5 Jahre vor

In Deutschland gibt es genug Dörfer die im Ortskern veröden,sog Resthöfe.Solche Höfe lassen sich oft für kleines Geld erwerben.Vorteile sind unter anderem Bestandsschutz.Du hast da viel mehr Möglichkeiten als bei Neubauten,Wirtschaftsräume wie Waschküche,Keller,Kleinställe usw sind vorhanden und können mit etwas Phantasie sinnvoll umgenutzt werden.Ich habe mir selbst vor über 20 Jahren so einen Resthof gekauft.Kaufpreis war nur das Grundstück,Gratis dabei;bewohnbares Wohnhaus,2 Scheunen mit Ställen,Waschhäuschen,Gewölbekeller,Brunnen sowie angrenzender Garten.Baue inzwischen einen Großteil meiner Lebensmittel selbst an,Hühnerhaltung mit glücklichen Hühnern wobei die Hennen bei mir dann auch an Altersschwäche sterben dürfen.Allerdings müßen leider die überzähligen Hähne in den Topf.Die Hühner bekommen gutes Futter das ich z.T.selbst anbaue,die Reste aus der Küche,gleichzeitig düngen die Hühner den Boden,lockern diesen auf und vertilgen das „Ungeziefer“wie Schnecken/-eier,Läuse,Zecken usw.Diese Eier kann man dann auch mit Genuß und ohne schlechtes Gewissen konsumieren.Ich arbeite mit Techniken der Perma Kultur und des Urban Gardening.Also,schaut euch in eurer Nähe um,es gibt genug Möglichkeiten auch für kleines Geld.

Manu
Manu
7 Jahre vor

Ich hätte auch gerne Infos dazu vielen lieben Dank

gerd
9 Jahre vor

respect! … ich lebe auf den canaren seid einiger zeit und arbeite an einem ähnlichen projekt. merkwürdig ists, das viele das ganz schön finden, aber nix dafür tun… – so trete ich etwas auf der stelle, da mir alleine leben nicht liegt. wenn also eine menschin neugierig darauf ist, so würde ich gerne alles teilen – ja auch meine vorräte 🙂 – denn der garten ist noch nicht soweit.

Volker Henze
Volker Henze
8 Jahre vor
Antwort auf  gerd

Hallo Gerd, bitte setze Dich mit mir in Verbindung.
Alles weitere dann. . . . . .
Viele Grüße, Volker

01 70 29 17 76 1 (Deutschland)

hanznurger
hanznurger
8 Jahre vor
Antwort auf  Volker Henze

Sehr gerne

Birgit
Birgit
6 Jahre vor
Antwort auf  gerd

Hallo Gerd,
ich hätte auch gerne Infos dazu, wenn es noch aktuell ist.
Liebe Grüße von einer Menschin 🙂

Petra
Petra
6 Jahre vor
Antwort auf  gerd

Hallo Gerd,

wenn das noch aktuell ist und du noch Mitbewohner brauchst die auch anpacken können,
teamfähig sind, melde dich bitte bei mir .

liebe Grüße
Petra

Adelaida
Adelaida
10 Monate vor
Antwort auf  gerd

servus Gerd, bitte schreibe mich an über telegram: 00436765659557, dankeschön, Adelaida