Kohlblätter auf den Knien lindern Schmerzen so stark wie medizinische Gele: Was eine Arthrose-Studie über das alte Hausmittel zeigt
Vier Wochen lang jeden Tag ein Blatt aus dem Gemüsefach ums Knie gebunden, und am Ende stand es in der Auswertung neben dem Schmerzgel aus der Apotheke. Das Rezept dazu ist über 2.000 Jahre alt.

Der erste Schritt am Morgen ist oft der schwerste. Das Knie fühlt sich an wie eingerostet, die Treppe nach unten wird zur Verhandlungssache, und irgendwann liegt die Tube mit dem Schmerzgel griffbereit neben dem Bett. Dabei liegt zwei Räume weiter, im Kühlschrank, etwas, das in einer klinischen Studie ähnlich gut abgeschnitten hat. Ein Kohlkopf.
Was nach Großmutters Küche klingt, haben Forschende in Deutschland, Thailand und Polen inzwischen an Patienten untersucht. In diesem Beitrag zeigen wir dir, was in den vier Wochen der Arthrose-Studie geschah, warum das Blatt erst wirkt, wenn du es vorher mit dem Nudelholz bearbeitest, was ein römischer Senator um 160 vor Christus über Kohlumschläge aufschrieb, wie du den Wickel in fünf Schritten anlegst und wofür Hebammen ihn seit Generationen nutzen. Eine Stunde am Tag reichte in einer der Studien schon aus. Höchste Zeit, dieses Blatt ernst zu nehmen.
Was in den vier Wochen der Studie geschah
Ein Team um die Forscherin Romy Lauche von der Universität Duisburg-Essen wollte es genau wissen. Die Teilnehmenden hatten alle eine Knie-Arthrose im mittleren Stadium, also Knorpelverschleiß, der im Alltag längst spürbar ist. Per Los kamen sie in eine von drei Gruppen. Die erste legte sich vier Wochen lang täglich für mindestens zwei Stunden Kohlblätter ums Knie. Die zweite bekam ein gängiges Schmerzgel mit dem Wirkstoff Diclofenac. Die dritte machte weiter wie bisher.
Nach vier Wochen hatte die Kohl-Gruppe deutlich weniger Schmerzen als die Gruppe ohne Behandlung, sie kam leichter vom Stuhl hoch, das Knie war weniger druckempfindlich, und die Lebensqualität war gestiegen. Und im direkten Vergleich mit dem Schmerzgel? Kein bedeutsamer Unterschied. Das Blatt hielt mit. Nachlesen kannst du das in der Veröffentlichung im „Clinical Journal of Pain“, und die Forschenden schließen dort mit einem Satz, der für ein Fachjournal erstaunlich klar ist:
„Kohlblattwickel könnten deshalb für Patienten mit Arthrose des Knies empfohlen werden.“
Romy Lauche und Kollegen, Clinical Journal of Pain, 2016
Eigentlich müsste sich so ein Ergebnis herumgesprochen haben. Hat es nicht. Sechs Jahre später griff eine Arbeitsgruppe in Bangkok die Idee noch einmal auf, diesmal bei Menschen mit fortgeschrittener Knie-Arthrose und mit nur einer Stunde Kohlblatt am Tag. Wieder vier Wochen, wieder ein Schmerzgel als Vergleich. Das Ergebnis, veröffentlicht in „Pain Research and Management“: Schmerz und Kniefunktion besserten sich mit den Blättern so gut wie mit einem Kühlkissen, und beide schnitten besser ab als das Diclofenac-Gel.
Was dabei selten zur Sprache kommt: Ein Kohlblatt lässt sich nicht patentieren. Es kostet ein paar Cent, wächst auf jedem Acker, und niemand schaltet dafür Werbung. Wer sollte also die großen Folgestudien bezahlen? Die Frage darf einfach mal so stehen bleiben.
Warum das Blatt erst wirkt, wenn du es verletzt
Ein unversehrtes Kohlblatt ist, wenn man so will, eine verschlossene Apotheke. In seinen Zellen lagern schwefelhaltige Pflanzenstoffe, die Glucosinolate. Das passende Enzym dazu, die Myrosinase, sitzt in eigenen Kammern gleich nebenan. Solange das Blatt heil ist, begegnen sich die beiden nie. Erst wenn das Gewebe gequetscht oder geschnitten wird, treffen sie aufeinander, und es entstehen Senföle wie das Sulforaphan. Botaniker nennen das die „Senföl-Bombe“, diese Übersichtsarbeit beschreibt den Mechanismus im Detail. Für dein Knie ist es der Grund, warum das Nudelholz zum Wickel gehört.
Im Grunde passiert beim Kohlwickel dreierlei gleichzeitig. Das kühle, feuchte Blatt nimmt Wärme aus dem gereizten Gelenk. Der austretende Saft bringt die frisch entstandenen Senföle auf die Haut. Und die bleiben dort offenbar nicht einfach liegen: Als Forscher der Johns Hopkins University sulforaphanhaltigen Extrakt aus Brokkolisprossen auf die Haut von Freiwilligen auftrugen, stieg in den Hautzellen die Aktivität eines wichtigen Schutzenzyms auf ein Mehrfaches. Der Stoff kommt also an.
Was Sulforaphan im Gelenk selbst anstellen kann, hat ein britisches Team untersucht. In Versuchen bremste der Pflanzenstoff genau die Enzyme, die bei Arthrose den Knorpel abbauen, und schützte das Gewebe vor Zerstörung, wie die Arbeit in „Arthritis & Rheumatism“ zeigt. Dort kam das Sulforaphan über die Nahrung. Ein Grund mehr, den Kohl nicht nur aufs Knie zu legen, aber dazu später.
„Es kostet nichts“: Catos Rezept von 160 vor Christus
Das älteste vollständig erhaltene Prosawerk in lateinischer Sprache ist kein Heldenepos. Es ist ein Handbuch für Landwirte, „De agri cultura“, geschrieben um 160 vor Christus von Marcus Porcius Cato, Senator, Feldherr und berüchtigter Sparfuchs. Und mittendrin stehen zwei lange Kapitel über ein einziges Gemüse. „Der Kohl ist es, der alle anderen Gemüse übertrifft“, beginnt Cato, und dann legt er los.
Zerstoßen solle man ihn als Umschlag auf alle Wunden und Schwellungen legen. Bei einer Verrenkung die Stelle zweimal täglich warm baden, zerstoßenen Kohl auflegen, „er wird die Schmerzen nehmen“. Für schmerzende Gelenke empfahl er zusätzlich rohen, gehackten Kohl mit Essig, Koriander und Raute zum Frühstück. Die Kapitel 156 und 157 sind bis heute frei nachzulesen, und ein Satz daraus könnte genauso gut über diesem Beitrag stehen:
„Es kostet nichts, und selbst wenn es etwas kostete, solltest du es um deiner Gesundheit willen versuchen.“
Marcus Porcius Cato, De agri cultura, Kapitel 157, um 160 v. Chr.
Ehrlich gesagt hat Cato es auch übertrieben. Bei ihm hilft Kohl gegen Schlaflosigkeit, Koliken, Nasenpolypen und sogar gegen Taubheit (in Wein eingelegt und ins Ohr geträufelt, bitte nicht nachmachen). Den griechischen Ärzten, die damals in Rom in Mode kamen, traute er nicht über den Weg und behandelte seine Familie lieber selbst. Ein Dickkopf also. Aber einer, der genau hingeschaut hat: Schwellung, Verrenkung, schmerzendes Gelenk, zerstoßenes Blatt, zweimal täglich. Die Essener Forschenden haben 2016 im Kern nachgemessen, was er notiert hatte.
In der europäischen Volksheilkunde bekam der Wickel später seinen Spitznamen: der „Umschlag des kleinen Mannes“. Wer keinen Arzt bezahlen konnte, hatte immer noch einen Kohlkopf im Keller.
So legst du den Kohlwickel an
Die Technik ist seit Cato fast dieselbe geblieben, und jeder Handgriff hat seinen Grund.
1) Nimm zwei bis drei große, äußere Blätter von einem frischen Bio-Kohl und wasch sie kurz ab. Bei Bio-Ware liegt nichts auf dem Blatt, was nicht auf deine Haut soll.
2) Schneide die dicke Mittelrippe flach heraus oder klopfe sie platt. Sonst drückt sie unter der Binde, und das Blatt liegt nicht überall an.
3) Jetzt kommt der Schritt, auf den es ankommt: Roll mit einem Nudelholz oder einer Flasche kräftig über die Blätter, bis sie glasig werden und Saft austritt. Genau hier zündet die Senföl-Bombe aus dem Abschnitt oben. Ein unbearbeitetes Blatt kühlt nur.
4) Leg die Blätter dachziegelartig rund ums Knie, die saftige Seite zur Haut, und wickle ein Baumwolltuch oder eine elastische Binde darüber. Fest genug, dass nichts rutscht, locker genug, dass du das Bein bequem beugen kannst. Bei einem heißen, geschwollenen Knie dürfen die Blätter direkt aus dem Kühlschrank kommen.
5) Lass den Wickel mindestens eine, besser zwei Stunden wirken. In der deutschen Studie waren es täglich zwei Stunden oder mehr, manche trugen ihn über Nacht, in der thailändischen reichte eine Stunde. Entscheidend war in beiden die Regelmäßigkeit über vier Wochen. Die Blätter danach auf den Kompost, am nächsten Tag frische nehmen.
Und noch etwas steckt in diesen zwei Stunden. Wer sich jeden Abend hinsetzt, das Bein hochlegt und sein Knie in ein kühles Blatt wickelt, schenkt dem eigenen Körper eine Aufmerksamkeit, für die im Alltag sonst kaum Platz ist. Eine Tube ist in zehn Sekunden erledigt. Der Wickel verlangt, dass du dich setzt.
Weißkohl oder Wirsing? Beides geht. Weißkohl ist saftiger und günstiger, Wirsing ist weicher und schmiegt sich leichter um die Kniescheibe. Probier aus, was dir angenehmer ist. Wird die Haut rot oder juckt sie, nimm den Wickel ab und gönn ihr eine Pause, bei den meisten Menschen passiert das aber nicht. Und wenn deine Arthrose weit fortgeschritten ist oder das Knie plötzlich stark anschwillt, nimm den Wickel als Begleiter mit zu deinem Arzt oder deiner Heilpraktikerin, nicht als Ersatz für den Besuch dort.
Mehr sanfte Helfer für schmerzende Gelenke haben wir in unserem Beitrag über 14 natürliche Mittel bei Gelenkschmerzen gesammelt.
Wo Kohlblätter noch helfen
Frag eine Hebamme nach Kohl, und sie wird lächeln. Kühle Kohlblätter im Still-BH sind seit Generationen das Hausmittel bei Milchstau, wenn die Brust in den ersten Tagen hart und schmerzhaft spannt. Eine Cochrane-Übersicht von 2020 hat die Studien dazu zusammengetragen und fand Hinweise, dass die kalten Blätter den Schmerz stärker lindern als die übliche Versorgung und sogar etwas besser als Kühlpacks aus Gel. Am besten sprichst du die Anwendung kurz mit deiner Hebamme ab, sie kennt den richtigen Zeitpunkt.
Auch nach Sportverletzungen lohnt sich der Griff zum Kohlkopf. Polnische Orthopäden behandelten Männer mit frisch verletztem, geschwollenem Knie entweder nur mit Kühlung oder mit Kühlung plus Kohlblättern und maßen den Erguss per Ultraschall. Mit den Blättern ging die Flüssigkeit im Gelenk spürbar schneller zurück, am deutlichsten in den ersten 24 Stunden.
Weitere pflanzliche Wege, mit Schmerzen umzugehen, findest du in unserem Beitrag über 14 natürliche Alternativen zu herkömmlichen Schmerzmitteln.
Kohl gehört auch auf den Teller
Cato ließ seine Leute den Kohl ja nicht nur auflegen, sie sollten ihn roh und gehackt essen. Auch das passt zur Forschung. Denn dieselbe Reaktion, die das Nudelholz auf dem Blatt auslöst, passiert beim Kauen in deinem Mund, solange das hitzeempfindliche Enzym noch lebt. Niederländische Forscher haben das an Brokkoli nachgemessen: Von rohem kam rund zehnmal so viel Sulforaphan im Körper an wie von gekochtem. Ein fein geschnittener Krautsalat mit etwas Zitrone ist so gesehen Gelenkpflege von innen. Noch reicher an der Sulforaphan-Vorstufe sind Brokkolisprossen, warum, liest du in unserem Beitrag über Brokkoli und Brokkolisprossen.
Und wer es milchsauer mag: Im Sauerkraut kommen zu den Pflanzenstoffen des Kohls noch Milliarden lebendiger Bakterien dazu. Mehr dazu in unserem Beitrag „450 Gramm Sauerkraut entspricht 8 Flaschen Probiotika“.
Ein Kohlblatt? Tatsächlich.
Bei Knieschmerzen denken wir eher an ein Gel oder eine Bandage als an den Kohl im Gemüsefach. Verständlich, ein Blatt ums Knie klingt erst einmal gewöhnungsbedürftig. Dabei ist der Aufwand überschaubar: ein Nudelholz, ein Tuch und etwas Zeit. Uns gefällt an dieser Geschichte, dass ein so einfaches Hausmittel genauer untersucht wurde. Und vielleicht schaust du beim nächsten Einkauf etwas anders auf den Kohl, an dem du sonst vorbeigegangen wärst.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in das Thema Wickel und Auflagen einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Bücher über heilsame Wickel und Auflagen*, mit Anleitungen für Kohl, Heilerde, Zwiebel und viele weitere Hausmittel zum Auflegen.
2) Wickeltücher aus Bio-Baumwolle fürs Knie*, halten die Blätter sicher an Ort und Stelle und lassen sich immer wieder waschen.
3) Bio-Keimsaat für Brokkolisprossen*, damit das Sulforaphan auch von innen kommt, in wenigen Tagen auf der Fensterbank gezogen.
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