105-jähriger Arzt enthüllt: Der wahre Killer deiner Biologie ist weder Stress noch die Ernährung. 9 Dinge, die dich schneller altern lassen, ohne dass du es merkst
Bis wenige Monate vor seinem Tod mit 105 Jahren behandelte der japanische Arzt Shigeaki Hinohara noch Patienten und nahm die Treppe zwei Stufen auf einmal. Was ihn so lebendig hielt, steckte in neun leisen Signalen, auf die dein Körper jeden Tag hört.

Stell dir ein Klassentreffen vor, fünfzig Jahre nach dem Abschluss. Alle im Saal sind im selben Jahr geboren. Trotzdem sitzt da eine Frau, die man auf Anfang sechzig schätzt, und zwei Tische weiter ein Mann, der wirkt wie Mitte achtzig. Gleicher Jahrgang, aber offensichtlich nicht dasselbe Alter.
Das ist keine Einbildung. Neuseeländische Forscher berechneten für knapp 1.000 Menschen, die alle 38 waren, das biologische Alter, und es reichte von 28 bis 61 Jahren. Man altert eben nicht allein durch das Verstreichen der Zeit. Die Biologie fährt herunter, wenn Umfeld und Gewohnheiten dem Körper melden, dass seine Aufgabe erfüllt ist.
Du erfährst hier, warum Menschen mit einem freundlichen Bild vom Älterwerden im Schnitt 7,5 Jahre länger lebten, wie Pflegeheimbewohner um die 90 ihre Kraft in acht Wochen fast verdreifachten, welcher Blutwert verrät, ob du schneller alterst, und warum deine Beziehungen mit 50 mehr über deine Gesundheit mit 80 sagen als dein Cholesterin. Höchste Zeit, genauer hinzuschauen.
Was ein 105-jähriger Arzt über das Altern wusste
Hinohara arbeitete ab 1941 am St. Luke’s International Hospital in Tokio, brachte die Vorsorgemedizin in Japan voran und praktizierte auch nach seinem 100. Geburtstag weiter. Zu vielen der neun Signale hat er Sätze hinterlassen, die erstaunlich gut zur heutigen Forschung passen. Seine acht bekanntesten Lebensregeln stehen in einem eigenen Beitrag.
Energie entsteht daraus, dass wir uns gut fühlen, nicht daraus, dass wir gut essen oder viel schlafen. Wir erinnern uns alle, wie wir in Kindertagen beim Spielen oft vergessen haben zu essen oder zu schlafen.
Dr. Shigeaki Hinohara, The Japan Times, 2009
Das sind die 9 unsichtbaren Gefahren, die das biologische Design aus dem Takt bringen
1) Isolation und Verlust des Lebenszwecks
Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, schaltet mehr ab als nur die Stimmung. Laut einer Metaanalyse aus 148 Studien haben Menschen mit starken sozialen Bindungen eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Und unter knapp 7.000 Menschen über 50 war das Sterberisiko bei schwachem Lebenssinn rund 2,4-mal so hoch wie bei starkem.
Hinohara hielt vom Ruhestand ehrlich gesagt wenig. „Es gibt keinen Grund, jemals in Rente zu gehen“, sagte er im Gespräch mit Judit Kawaguchi, und arbeitete ab 65 ehrenamtlich weiter. Die Japaner haben dafür ein eigenes Wort: Ikigai, das Gefühl, dass sich das Leben lohnt. Es reicht schon eine Aufgabe, die auf dich wartet: ein Enkelkind, ein Garten, ein Nachbar. Wie du deine findest, zeigen die 10 Schritte, um deine Bestimmung zu finden.
2) Atrophie durch mentale Inaktivität
Der Konsum minderwertiger Unterhaltung lähmt die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu verschalten. In einer Londoner Studie mit rund 3.600 Menschen verlor, wer mehr als dreieinhalb Stunden täglich fernsah, über sechs Jahre messbar an sprachlichem Gedächtnis, wie Daisy Fancourt zeigte.
Klingt nach einem Problem von Hochbetagten. Ist es nicht, die Teilnehmer waren ab 50. Der Bildschirm liefert viele Reize, aber kaum eigene Arbeit, und ohne Herausforderung verkümmert das Gehirn. Ein Gespräch, ein Buch oder eine Partie Schach fordern den Kopf weit mehr als der dritte Film am Abend.
3) Chronische muskuläre Inaktivität
Hier steckt vielleicht die schönste Nachricht des Beitrags. Zehn Pflegeheimbewohner um die 90 trainierten acht Wochen lang mit schweren Gewichten. Ihre Kraft stieg im Schnitt um 174 Prozent, und sie gingen fast um die Hälfte schneller, berichtet die Studie im Fachblatt JAMA. Mit 90!
Muskeln und Knochen stehen in engem chemischem Austausch. Schwinden die Muskeln (Mediziner sagen Sarkopenie), signalisiert das dem Körper, dass er auch das Gerüst darunter nicht mehr braucht. Treffen beide Verluste zusammen, steigen Stürze, Brüche und Gebrechlichkeit. Hinohara hielt es einfach: „Nimm immer die Treppe und trag deine Sachen selbst. Ich nehme zwei Stufen auf einmal.“ Wer sich nicht bewegt, rostet.
4) Abkopplung von der Natur
Leben unter künstlichem Licht nimmt dem Körper zweierlei. Vitamin D bildet die Haut nur unter dem UVB-Anteil der Sonne, und den lässt Fensterglas nicht durch. Und die innere Uhr stellt sich morgens über das Licht auf den Tag ein. Künstliches Licht am Abend bringt diesen Rhythmus samt Schlaf und Stimmung durcheinander, wie Forscher aus Basel zusammenfassen.
Wie viel Natur es braucht? Bei fast 20.000 Befragten in England lag die Schwelle bei 120 Minuten pro Woche, egal ob am Stück oder verteilt, so die University of Exeter. Mehr dazu in Als Sonnenlicht noch Krankenhausmedizin war.
5) Giftige emotionale Verstrickungen und Bindungen
Ungelöste Konflikte halten den Körper in Alarmbereitschaft, bis hinein in den Darm. Bei Ehepaaren, die feindselig stritten, fanden Forscher der Ohio State University mehr Zeichen eines durchlässigen Darms. Damit ging ein höheres C-reaktives Protein einher, ein Entzündungswert, den auch dein Hausarzt misst. Bei 79 Prozent der Teilnehmer mit dem stärksten Darm-Signal lag er im erhöhten Bereich, bei denen mit dem schwächsten nur bei 21 Prozent, wie Janice Kiecolt-Glaser zeigte.
Aber es geht auch andersherum. Die Harvard-Studie zur Entwicklung Erwachsener läuft seit 1938, ihr Leiter fasst das Ergebnis in der Harvard Gazette so zusammen:
Die Menschen, die mit 50 am zufriedensten in ihren Beziehungen waren, waren mit 80 die gesündesten.
Robert Waldinger, Leiter der Harvard Study of Adult Development
Nicht ihr Cholesterin sagte voraus, wie sie alt werden. Einen alten Streit beilegen gehört zum Wirksamsten, was du für deinen Körper tun kannst.
6) Stille zelluläre Dehydrierung
Durst ist im Alter ein leiseres Signal: Ältere spüren ihn schwächer. Wer ihn dann mit Hunger verwechselt oder mit Limo stillt, gibt dem Körper Zucker statt Wasser, und viel Zuckergetränk geht mit einem höheren Risiko für Nierenerkrankungen einher.
Wie eng Wasser und Altern zusammenhängen, hat uns selbst überrascht. US-Forscher verfolgten 15.752 Menschen über 25 Jahre und schauten auf den Natriumwert im Blut, der steigt, wenn der Körper dauerhaft zu wenig Wasser bekommt. Lag er im mittleren Alter über 142, war das Risiko für chronische Krankheiten um 39 Prozent höher und die Chance, biologisch älter zu sein, um bis zu 50 Prozent, so die Studie von Natalia Dmitrieva. Ein Glas Wasser gleich nach dem Aufstehen ist ein guter Anfang. Mehr dazu in 14 Gründe, warum du mehr Wasser trinken solltest.
7) Intellektueller Selbstmord
Aufhören, Neues zu lernen, bremst die Bildung neuer Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Das Gehirn braucht den positiven Stress der Neuheit. Im Synapse Project in Texas lernten Ältere drei Monate lang Quilten oder digitale Fotografie. Danach war ihr Gedächtnis messbar besser. Man würde denken, schon Geselligkeit hält den Kopf jung. In der Realität profitierte, wer nur gemütlich zusammensaß, kaum. Hinohara schrieb nach seinem 75. Geburtstag noch rund 150 Bücher und mit 88 das Drehbuch für ein Musical, in dem er selbst mit Kindern tanzte.
8) Missbrauch von chemischen Pflastern
Jedes Symptom mit einer Tablette zuzudecken, statt die Ursache anzugehen, hat einen Preis. Leber und Nieren müssen jeden Wirkstoff abbauen und ausscheiden, mit den Jahren langsamer, und die Mittel beeinflussen sich gegenseitig. Mit fünf Medikamenten lag das Sterberisiko um 31 Prozent höher, mit zehn oder mehr fast doppelt so hoch, so eine Metaanalyse aus 47 Studien.
Wie so eine Lawine entsteht, zeigen Forscher in Toronto. Bestimmte Blutdrucksenker lassen bei manchen Menschen die Beine anschwellen, das wird immer wieder als neue Krankheit gedeutet, und ein Entwässerungsmittel kommt dazu. Bei knapp 2.000 Älteren, denen genau das passiert war, lagen Notaufnahmen und Klinikaufenthalte danach um 21 Prozent höher als bei vergleichbaren Patienten, wie die Folgestudie zeigt. Ein Pflaster auf dem Pflaster. Dass so etwas in kaum einer Sprechstunde zur Sprache kommt, ärgert uns. Und wer verdient eigentlich daran, wenn ein Symptom nie verschwindet?
Ausgerechnet einer der bekanntesten Ärzte Japans riet, Ärzten nicht blind zu folgen: „Anders als viele glauben, können Ärzte nicht jeden heilen.“ Hinohara schlug in Japan auch den Begriff „Lebensstil-Krankheiten“ vor, ein Wort, das die Ursache gleich mitliefert.
Die Wissenschaft allein kann Menschen nicht heilen oder ihnen helfen. Krankheit ist etwas Individuelles. Jeder Mensch ist einzigartig, und Krankheiten hängen mit dem Herzen zusammen.
Dr. Shigeaki Hinohara im Interview mit Judit Kawaguchi
Setz bitte nichts auf eigene Faust ab. Aber nimm deine Medikamentenliste zum nächsten Termin mit und frag bei jedem Mittel, ob du es noch brauchst. Wie oft vermeintliche Altersleiden Nebenwirkungen sind, zeigt der Beitrag über Demenz als Nebenwirkung.
9) Verlust der Begeisterung
Zynismus und Bitterkeit sind mehr als schlechte Laune. Begeisterung und Neugier sprechen das Belohnungssystem an, das mit dem Botenstoff Dopamin arbeitet und antreibt. Wer hinter allem das Schlechte vermutet, nimmt dem Kopf genau diesen Antrieb. In Finnland hatten die zynischsten Älteren ein etwa dreimal so hohes Demenzrisiko.
Umgekehrt wirkt Begeisterung wie ein Jungbrunnen. Die optimistischsten Frauen lebten fast 15 Prozent länger als die pessimistischsten, und Menschen mit einem positiven Bild vom eigenen Altern im Schnitt 7,5 Jahre länger. Siebeneinhalb Jahre, allein durch eine Haltung! Hinohara hätte gelächelt: Spaß, sagte er, sei der beste Weg, Schmerz zu vergessen. Mehr dazu in Wer oft negativ denkt, trainiert sein Gehirn zum Unglücklichsein.
Dein Körper hört zu
Dein Körper reagiert nicht nur auf das Älterwerden, sondern auf die Signale, die er jeden Tag bekommt. Hinohara trug dafür ein Bild aus einem Gedicht von Robert Browning bei sich, das ihm schon sein Vater vorgelesen hatte: einen Kreis zu zeichnen, so groß, dass man ihn zu Lebzeiten unmöglich vollenden kann. Wir sehen davon nur einen Bogen, der Rest liegt jenseits unseres Blicks, aber er ist da. Vielleicht ist genau das der Unterschied vom Klassentreffen. Ein Anruf bei einem Menschen, der dir fehlt, die Treppe statt des Aufzugs, ein Abend mit etwas völlig Neuem. Dein Körper wartet nur darauf zu hören, dass er noch gebraucht wird.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in das Thema jung bleiben im Alter einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) The Good Life, von Robert Waldinger und Marc Schulz*, die Erkenntnisse der weltweit längsten Studie über ein erfülltes Leben auf Deutsch.
2) Glas-Trinkflasche mit Zeitmarkierung*, damit du über den Tag siehst, wie weit du schon bist.
3) Verstellbarer Handtrainer für die Griffkraft*, für ein paar Minuten Krafttraining nebenbei, auch auf dem Sofa.
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