Als Sonnenlicht noch Krankenhausmedizin war: Warum Ärzte vor 100 Jahren Säuglinge auf Dachterrassen legten
Auf einem alten Klinikfoto stehen Säuglingsbetten auf einer Dachterrasse, daneben Liegestühle, Frauen in weißen Nachthemden, eine Krankenschwester mit Haube. Niemand hat die Kinder dort vergessen. Man hat sie dorthin gebracht, weil man glaubte, dass die Sonne heilt.

Um 1900 hatten in den Armenvierteln europäischer Industriestädte bis zu 90 Prozent der Kinder Rachitis, so beziffert es der Kinderarzt Russell Chesney in seiner Übersicht zur Entdeckung des Sonnenvitamins. Weiche Knochen, verbogene Beine, eingesunkene Brustkörbe. Und die Ärzte standen lange ratlos davor, bis ein paar von ihnen anfingen, das Licht selbst als Medizin zu verstehen.
Diese Geschichte hat erstaunliche Figuren: einen schottischen Missionsarzt mit einer Landkarte, einen Berliner Kinderarzt, der nur einen Arm bestrahlte und zwei heilte, einen Schweizer, der ganze Kliniken so bauen ließ, dass die Sonne auf jedes Bett fiel, und zwei Nobelpreise, einen für Medizin und einen für Chemie. Wie aus Sonnenlicht ein Krankenhausstandard wurde, warum er wieder verschwand und was davon heute in deinen Alltag gehört, das kommt hier der Reihe nach. Ein Teil dieser Medizin liegt bis heute kostenlos vor der Haustür.
Die Krankheit der dunklen Städte
Rachitis ist im Grunde eine Lichtkrankheit. Der Körper braucht UVB-Strahlung auf der Haut, um Vitamin D zu bilden, und ohne Vitamin D kann er Kalzium nicht in die Knochen einbauen. Die Knochen wachsen zwar weiter, aber weich. (Der alte Name „englische Krankheit“ stammt aus dem 17. Jahrhundert, als die Rachitis zuerst in England um sich griff.) In den Industriestädten des 19. Jahrhunderts kam dann alles zusammen: Kohlerauch, der den Himmel verdunkelte, Hinterhöfe, in die nie Sonne fiel, Kellerwohnungen, Kinder, die vom Morgen bis zum Abend in Fabriken standen. Die Städte wuchsen. Und mit ihnen wuchs eine Generation mit krummen Beinen.
Was selten zur Sprache kommt: Die Industrialisierung nahm den Menschen nicht nur die frische Luft. Sie nahm ihnen das Licht. Ein Körper ohne Licht meldet sich, nur eben langsam, über Jahre, und zuerst an den Knochen der Kinder.
Ein Arzt, eine Landkarte und ein Verdacht
1889 veröffentlichte die britische Ärztegesellschaft eine Karte, auf der die Häufigkeit der Rachitis eingezeichnet war. Der schottische Arzt Theobald Palm, der jahrelang als Missionsarzt in Japan gearbeitet hatte, sah sie sich an und stutzte. In Japan, wo viele Kinder ärmer und schlechter ernährt waren als in England, hatte er keinen einzigen Fall gesehen. In England drängte sich die Krankheit in „großen Städten und dicht besiedelten Bezirken“. Palm schrieb an Missionsärzte in Asien und Nordafrika, sammelte ihre Antworten und veröffentlichte 1890 im Practitioner, was ihm alle erzählten: Wo viel Sonne ist, gibt es kaum Rachitis. Seine Empfehlung war für die damalige Zeit ungeheuerlich.
„Der systematische Gebrauch von Sonnenbädern.“
Theobald A. Palm, Empfehlung zur Behandlung der Rachitis, 1890, zitiert nach Chesney 2012
Dreißig Jahre, in denen fast nichts geschah
Man sollte annehmen, ein so einfacher Befund hätte sich herumgesprochen. Hat er nicht. Palms Arbeit wurde, wie Chesney nüchtern festhält, weitgehend ignoriert. 1904 heilte ein Arzt namens Buchholz sechzehn rachitische Kinder mit Glühlicht und veröffentlichte das, und wieder passierte nichts. Ehrlich gesagt ist das der Teil der Geschichte, der uns am meisten beschäftigt. Die Karte lag seit 1889 auf dem Tisch, die Sonne schien ohnehin, und trotzdem diskutierte eine ganze Ärztegeneration lieber über Wohnungsluft, Bodenbeschaffenheit und Erbanlagen. Das klingt logisch, wenn man in Rauch lebt. Richtig war es nicht. Und es zeigt etwas, das sich bis heute wiederholt: Was zu einfach aussieht, wird nicht geglaubt.
Licht wird Medizin
Zur gleichen Zeit passierte in Kopenhagen etwas, das die Medizin verändern sollte. Der dänische Arzt Niels Finsen begann Hauttuberkulose mit gebündeltem Licht zu behandeln. Wunden, die jahrelang nicht heilen wollten, schlossen sich. 1903 bekam er dafür den Nobelpreis für Medizin, wörtlich „für die Behandlung von Krankheiten, besonders des Lupus vulgaris, mit konzentrierter Lichtstrahlung“. Robert Koch hatte 1890 bereits gezeigt, dass direktes Sonnenlicht Tuberkelbakterien in wenigen Minuten abtötet, wie diese Übersicht in Erinnerung ruft.
Finsen selbst hatte davon wenig. Seit seiner Studienzeit litt er an einer Krankheit, die Leber, Herz und Milz langsam vernarben ließ. Als in Stockholm die Nobelfeier stattfand, saß er zu Hause im Rollstuhl, und im September 1904, ein Jahr nach dem Preis, starb er mit 43 Jahren. Der Mann, der Licht zur Medizin machte, konnte sich damit nicht selbst heilen. Das steht so in seiner Nobelpreis-Biografie, und man liest es leicht darüber hinweg. Manche Menschen tragen ein Licht für andere, das ihnen selbst nicht mehr leuchtet.
Die Berliner Lampe
1919 stand der Kinderarzt Kurt Huldschinsky in Berlin vor Waisenkindern, blass, mit weichen Knochen, mitten im Hungerwinter nach dem Krieg. Sonne gab es nicht. Also nahm er, was da war: eine Quecksilberdampf-Quarzlampe, die sogenannte „künstliche Höhensonne“. Er bestrahlte die Kinder regelmäßig und dokumentierte auf Röntgenbildern, wie die Knochen wieder hart wurden. Dann machte er etwas, das den eigentlichen Beweis lieferte: Er bestrahlte nur einen Arm. Und beide Arme heilten. Irgendetwas musste die Haut unter dem Licht bilden, das durch den ganzen Körper wanderte. Er veröffentlichte das 1919 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, ein Jahr später bestätigten Kollegen die Heilung an hundert weiteren Kindern, nachzulesen bei Chesney.
„Die Sonne ist nicht nur ein Maler, sondern auch ein Bildhauer.“
Florence Nightingale, Notes on Nursing, 1860
Sonnendecks und Bergkliniken
Ganz neu war der Gedanke nicht. Schon 1855 hatte der Schweizer Naturheilkundler Arnold Rikli in Veldes, dem heutigen Bled, Licht- und Luftbäder als Kur angeboten, von der Ärzteschaft belächelt und von Gästen aus halb Europa besucht. Der Schweizer Arzt Auguste Rollier machte daraus Medizin. Er hatte 1903 in Leysin, hoch in den Waadtländer Alpen, seine erste Klinik eröffnet, wie Richard Hobday 1997 in „Medical History“ beschreibt. Er behandelte Knochen- und Gelenktuberkulose mit Sonne, aber nicht wahllos: Die Patienten wurden schrittweise ans Licht gewöhnt, zuerst nur die Füße für wenige Minuten, dann Tag für Tag ein Stück mehr, bis der ganze Körper in der Bergsonne lag. Seine Kliniken bekamen Südbalkone und Solarien auf dem Dach, weil die Sonne dort am längsten hinkam.
Rollier nannte das Heliotherapie, und ihm ging es ums langsame Gewöhnen. Die Vitamin-D-Forschung sagt heute zusätzlich, wie kurz das reichen kann: Als Richtwert gelten für Gesicht, Hände und Arme, unbedeckt und mehrmals pro Woche, je nach Hauttyp etwa fünf bis 25 Minuten, bei heller Haut im Sommer das untere Ende, bei dunklerer Haut deutlich mehr, wie Michael Holick im „New England Journal of Medicine“ zusammenfasst. Länger bringt kein zusätzliches Vitamin D, weil die Haut überschüssige Vorstufen im Licht wieder abbaut, das haben Webb und Holick schon 1989 gezeigt, wohl aber mehr Risiko für die Haut. Kurz und regelmäßig, langsam gesteigert und nie bis zum Sonnenbrand: Rolliers Gewöhnung und die heutige Dosis passen im Grunde zusammen. Was das Licht sonst noch bewirkt, liest du im Beitrag über fünf erstaunliche Eigenschaften des Sonnenlichts.
Und genau diese Idee wanderte in die Städte. Kinderkliniken bauten Dachterrassen, Sanatorien Liegehallen, Säuglingsstationen schoben die Betten am Vormittag ins Freie. Stell dir so einen Morgen um 1920 vor: Ein Kind wird in Decken gewickelt aufs Dach getragen, die Schwester schlägt die Decke erst von den Füßen zurück, Tage später von den Beinen, dann von den Armen, so wie es der Behandlungsplan vorsah.
Wie das Sonnenvitamin seinen Namen bekam
Während die Kliniken bauten, jagte die Forschung dem Stoff hinterher. Edward Mellanby zeigte 1919 in Fütterungsversuchen, dass Lebertran Rachitis verhindert. Elmer McCollum trennte 1922 den Wirkstoff vom Vitamin A und nannte ihn schlicht nach dem Alphabet: Vitamin D. Harry Steenbock und Alfred Hess entdeckten 1924, dass UV-Licht sogar Lebensmittel gegen Rachitis wirksam macht. Und Adolf Windaus bekam 1928 den Nobelpreis für Chemie, weil er zeigte, wie aus einem Sterol unter UV-Licht Vitamin D entsteht. Damit war klar, dass das Licht auf der Dachterrasse und der Stoff in der Flasche auf demselben Weg wirken. Heute muss dafür kein Tier mehr herhalten: Veganes Vitamin D3 aus Flechten ist chemisch dasselbe Molekül, und UV-bestrahlte Pilze machen im Grunde, was Steenbock 1924 im Labor tat, sie heben den Spiegel messbar an, wie eine Studie mit gesunden Erwachsenen zeigt. Pilze liefern allerdings Vitamin D2, das im Blut etwas kürzer vorhält als D3, wie eine Metaanalyse von 2012 belegt.
Was hier passiert, ist im Grunde Folgendes: UVB-Strahlung trifft auf eine Cholesterinvorstufe in der Haut und baut sie zu Vitamin D um. Gewöhnliches Fensterglas lässt genau diese Wellenlängen nicht durch, auch das steht in derselben Übersicht. Deshalb half es den Kindern nichts, am Fenster zu sitzen, sie mussten hinaus, und deshalb bauten die Kliniken Terrassen statt Wintergärten.
Warum das Licht aus den Kliniken verschwand
Man könnte erwarten, dass ein so einfaches Heilmittel geblieben wäre. In der Realität war es nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Jahre fast verschwunden. Antibiotika machten die Sonnenkliniken für Tuberkulose überflüssig, Vitamin D kam als Tropfen in jede Apotheke, und Kliniken wurden fortan um Geräte herum gebaut, nicht um Fenster. Das ist verständlich, denn Tropfen wirken auch im November. Aber etwas ging dabei verloren. Der Mensch wurde nicht mehr als Wesen betrachtet, das zu Licht, Luft und Tagesrhythmus gehört, sondern als Empfänger von Wirkstoffen. Tropfen lassen sich verkaufen, Sonne nicht. Das ist keine Verschwörung, nur ein Grund, warum niemand mehr Dachterrassen baut.
Auffällig dabei: Die Forschung kommt gerade zurück. Sonnenlicht wirkt weit über Vitamin D hinaus, auf Stimmung, auf den inneren Rhythmus und, wie neuere Arbeiten nahelegen, bis in die Mitochondrien unserer Zellen. Mehr dazu liest du in unserem Beitrag darüber, wie Sonnenlicht in den Körper eindringt und die Mitochondrien stärkt. Dass Sonne klug macht, steht in einem eigenen Beitrag.
Für die dunkle Jahreshälfte bleibt die Sache nüchtern. Von Oktober bis März steht die Sonne bei uns zu tief, und am Winterende sind die Speicher bei vielen leer. Wer wissen will, wo er steht, lässt beim Arzt den Vitamin-D-Spiegel im Blut bestimmen, das ist ein einfacher Test. Eine Auswertung von 25 Studien im „British Medical Journal“ fand, dass eine Ergänzung das Risiko für Atemwegsinfekte mäßig senkt, am deutlichsten bei Menschen mit sehr niedrigem Spiegel und bei täglicher Einnahme. Wer Vitamin D einnimmt, sollte Vitamin K2 und Magnesium mitdenken. K2 aktiviert die Eiweiße, die das Kalzium in die Knochen lenken statt in die Gefäßwände, wie diese Übersicht zu Vitamin K2 beschreibt. Und Magnesium braucht der Körper, um Vitamin D in Leber und Niere überhaupt in seine aktive Form zu bringen, ohne genug Magnesium bleibt ein Teil davon wirkungslos. Bei ernsten Erkrankungen begleitet das alles eine ärztliche Behandlung, statt sie zu ersetzen. Woran du einen Mangel früh erkennst, steht im Beitrag über die zehn Warnzeichen eines Vitamin-D-Mangels beschrieben.
Das Sonnendeck vor der Haustür
Die Dachterrassen der alten Kliniken gibt es nicht mehr. Aber das, was dort oben jeden Vormittag geschah, lässt sich erstaunlich leicht nachmachen: ein Balkon am späten Vormittag, der Tee draußen statt am Fenster, ein Kind, das im Hof spielt statt hinter Glas, der Weg zur Arbeit ein paar Minuten länger im Licht. Nichts davon braucht ein Rezept. Zehn Minuten Vormittagssonne auf Unterarme und Gesicht, jeden Tag, ohne Glas dazwischen, das war das Sonnendeck. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis aus dieser Geschichte: Die Sonne war Medizin, lange bevor jemand sie so nannte, und sie ist es immer noch, jeden Tag aufs Neue, kostenlos und direkt vor deiner Tür.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in das Thema Sonnenlicht und Vitamin D einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Veganes Vitamin D3 aus Flechten (Tropfen)*, für die dunklen Monate.
2) Vitamin K2 MK7 vegan (Tropfen)*, lenkt das Kalzium in die Knochen.
3) Vitamin D, das Sonnenhormon (Buch von Jörg Spitz und William Grant)*, ein kompakter Ratgeber zum Sonnenhormon.
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