Astronaut, der 178 Tage im Weltraum verbrachte, sagt, wir leben eine Lüge
Ein Astronaut schaut aus dem Kuppelfenster der Raumstation. Unter ihm zucken Gewitter wie Blitzlichter, Polarlichter tanzen so nah, als könnte er sie anfassen. Und dann bleibt sein Blick am Rand der Erde hängen, an dieser hauchdünnen Schicht, die alles am Leben hält.
178 Tage. Fast ein halbes Jahr lang schwebte Ron Garan rund 400 Kilometer über unserem Planeten. Tag für Tag blickte er aus den Fenstern der Internationalen Raumstation auf die Erde hinab, auf uns, auf das Leben, wie wir es kennen. Und was er dort oben sah, hat alles erschüttert, was er vorher über unser Zusammenleben zu wissen glaubte.
Seine Erkenntnis ist unbequem, und genau deshalb wollen wir sie mit dir teilen: Wir leben eine Lüge. Nicht aus böser Absicht, nicht aus Dummheit, sondern weil wir in einem System stecken, das uns blind macht für etwas, das aus dem Weltraum glasklar zu erkennen ist.
Ron Garan hat diesen Moment später als eine Art nüchterne Ohrfeige beschrieben. Nichts explodierte, nichts ging kaputt. Er sah nur zum ersten Mal, wie dünn der Schleier ist, unter dem alles Leben stattfindet, das je gelebt hat. Und von da an passte die Welt da unten nicht mehr zu dem, was er dort oben sah.
Drei Lügen hat er von dort oben mitgebracht. Die erste hat mit Linien zu tun.
Die erste Lüge: Wir seien getrennt
Hier unten erzählt man sich jeden Tag Geschichten. Von Grenzen, von Nationen, von wir hier und die da drüben. Von Rohstoffen, die angeblich jemandem gehören, und von Konflikten, die weit weg stattfinden und niemanden etwas angehen. Aus 400 Kilometern Höhe ist von all dem nichts zu sehen. Keine einzige Linie! Flüsse fließen durch drei Länder, ohne es zu merken, Zugvögel brauchen keinen Pass, und der Wind trägt Samen über jede Grenze, die je gezogen wurde. Die Grenzen, für die Menschen sterben, existieren nur auf Papier und in Köpfen.
Was dabei gern unterschlagen wird: Neu ist das nicht. Jedes Schulkind weiß, dass Grenzen nicht auf die Erde gemalt sind. Und trotzdem hält dieses Wissen keine zwei Nachrichtensendungen lang. Wissen und Sehen sind eben zwei verschiedene Dinge. Das erste Foto, das diesen Unterschied ausgelöst hat, entstand an Heiligabend 1968: Bill Anders drückte in der Apollo-8-Kapsel auf den Auslöser, als die Erde klein und blau über dem grauen Mondrand aufging, „Earthrise“ nennt die NASA das Bild bis heute. Da oben füllt der Planet das ganze Fenster aus, und mit ihm jeder Mensch, jedes Tier, jeder Wald, als ein einziges Lebewesen. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat nach seinem halben Jahr im All fast dasselbe erzählt, und wie ihn der Blick auf einen Krieg von oben erschüttert hat, liest du hier.
Die zweite Lüge: Die Wirtschaft müsse an erster Stelle stehen
Von einem Astronauten erwartet man Zahlen und Technik. Was Garan stattdessen mitbrachte, war eine Frage nach der Reihenfolge. In einem Gespräch mit Big Think hat er den Kern so formuliert:
„Ich sah eine schillernde Biosphäre voller Leben. Die Wirtschaft habe ich nicht gesehen. Aber weil unsere von Menschen gemachten Systeme alles, sogar die Lebenserhaltungssysteme unseres Planeten, wie eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Weltwirtschaft behandeln, ist vom Weltraum aus offensichtlich: Wir leben eine Lüge.“
Ron Garan, ehemaliger NASA-Astronaut, im Video „I went to space and discovered an enormous lie“ (Big Think)
Die Lüge steckt in der Rangfolge. Erst die Wirtschaft, dann die Gesellschaft, und ganz am Ende, wenn noch etwas übrig ist, der Planet. Ist es profitabel? Das ist fast immer die erste Frage, bei jedem Gesetz, jeder Fabrik, jedem Acker. Garan dreht die Reihe um: Planet, Gesellschaft, Wirtschaft. Ohne funktionierende Lebensgrundlagen gibt es keine Gesellschaft, und ohne Gesellschaft gibt es niemanden, der etwas kaufen könnte. Das klingt banal. Es wird nur nirgends so gehandhabt.
Und hier lohnt die stille Frage, wer eigentlich davon profitiert, dass die Reihenfolge bleibt, wie sie ist. Wer verdient daran, dass die Atmosphäre als kostenlose Müllkippe gilt, dass Wälder als Holzvorrat bilanziert werden und Tiere als Bestand? Es sind nur selten die, die dort leben. Was diese Bilanz in nur 45 Jahren mit den Wildtieren der Erde gemacht hat, steht in einem älteren Beitrag, und die Zahl darin tut weh.
Die Atmosphäre selbst hat Garan mit eigenen Augen gesehen. Im Verhältnis zur Erde ist sie kaum dicker als die Schale eines Apfels (wer das einmal an einem echten Apfel nachprüft, legt ihn danach anders in die Hand). Diese Schale ist der ganze Vorrat an Luft, den es gibt. Und hier unten wird darüber verhandelt, um wie viele Prozentpunkte die Wirtschaft nächstes Jahr wachsen muss.
Die dritte Lüge: Wir seien nur Passagiere
Die dritte Lüge ist die bequemste, deshalb hält sie sich so gut. Sie sagt: Du bist Passagier. Passagiere warten, bis andere handeln, Politiker, Forscher, irgendwer. Passagiere glauben an einen Plan B, einen zweiten Planeten, ein Rettungsboot irgendwo im Dunkeln. Aus dem Orbit sieht man kein Rettungsboot. Man sieht acht Milliarden Menschen auf einer einzigen Kugel, und um sie herum nichts als Schwarz. Auf diesem Schiff gibt es keine Passagiere. Nur Besatzung. Das Bild stammt übrigens von dem Architekten Buckminster Fuller, der 1969 eine „Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde“ schrieb. Sein Punkt: Auf einem Schiff gibt es kein Draußen, wohin sich Abfall oder Verantwortung abschieben ließen.
Garan bringt dafür ein Beispiel mit, das lange nachhallt. Die Raumstation wird von fünfzehn Nationen gemeinsam gebaut und betrieben, darunter Länder, die einander vor nicht allzu langer Zeit als Feinde galten. Sie teilen Luft, Wasser, Strom und Verantwortung, weil dort oben jeder Fehler alle trifft. Wenn das in 400 Kilometern Höhe geht, fragt Garan, warum dann nicht hier unten, wo die Bedingungen genau dieselben sind, nur größer?
Und genau das ist der Punkt, der an der ganzen Geschichte am meisten stört: Die Antwort ist seit Jahrzehnten bekannt, und trotzdem folgt nichts daraus. Die Besatzung eines Schiffes streitet nicht darüber, wem das Deck gehört, während unten Wasser eindringt. Hier unten geschieht genau das, jeden Tag, in Parlamenten, in Konzernzentralen, und ehrlich gesagt auch am eigenen Küchentisch. Welche anderen Illusionen uns außerdem im Alltag gefangen halten, steht in einer älteren Sammlung auf diesem Blog, und die Passagier-Rolle passt erstaunlich gut in diese Reihe.
Der Blick, für den du nicht ins All musst
Das Schöne an Garans Botschaft ist, dass sie keine Rakete braucht. Der Blick von oben lässt sich üben, und zwar an genau den Stellen, an denen die drei Lügen im Alltag sitzen. Beim Einkaufswagen zum Beispiel. Jedes Produkt darin hat einen Weg hinter sich, der irgendwo auf dieser Kugel begonnen hat, in einem Wald, auf einem Feld, in einem Fluss. Wer beim Griff ins Regal kurz an diesen Anfang denkt, entscheidet längst anders, ohne dass ihm jemand etwas vorschreiben müsste. Beim Teller genauso: Was darauf liegt, entscheidet über Wälder, Wasser und Tiere auf der anderen Seite des Planeten, weil es diese andere Seite von oben betrachtet gar nicht gibt. Es ist alles dieselbe Schale. 38 ganz konkrete Wege, wie sich das im Alltag umsetzen lässt, stehen in einem eigenen Beitrag.
Und dann ist da noch die Sprache. Wie man über Menschen spricht, die anders leben, anders wählen, anders essen. Von oben gesehen sind das Besatzungsmitglieder, keine Gegner. Das heißt nicht, dass man allem zustimmen muss. Es heißt nur, dass der Streit im selben Boot stattfindet.
Die vielleicht schönste Version dieses Blicks stammt nicht von einem Astronauten, sondern von einer Raumsonde. 1990 drehte sich Voyager 1 am Rand des Sonnensystems noch einmal um und fotografierte die Erde aus sechs Milliarden Kilometern Entfernung: ein blasser blauer Punkt, kleiner als ein Pixel. Carl Sagan, der Astronom, der dieses Foto durchgesetzt hatte, schrieb später darüber:
„Schau dir diesen Punkt noch einmal an. Das ist hier. Das ist unser Zuhause. Das sind wir.“
Carl Sagan, Pale Blue Dot, 1994
Daraus lässt sich eine kleine Übung machen, die im Grunde nichts kostet. Geh an einem klaren Abend vor die Tür, schau nach oben, und dreh den Blick dann in Gedanken um: Stell dir vor, du schaust von dort oben zurück auf den Punkt, an dem du gerade stehst. Auf das Haus, die Straße, das Land, bis alles in einer blauen Kugel verschwindet. Bei vielen verändert sich in diesem Moment etwas, ganz leise, und es hält oft länger an, als man denkt. Dass wirklich alles mit allem verbunden ist, weiß man danach nicht mehr nur, man hat es kurz gesehen. Und wenn dich das nächste Mal jemand ärgert, hilft dieselbe Frage im Kleinen: Wie würde diese Situation aus 400 Kilometern Höhe aussehen? Meist schrumpft der Ärger dann auf seine echte Größe. Warum diese Verbundenheit sogar physikalisch stimmt, erklärt ein älterer Beitrag auf diesem Blog.
Was Garan mitgebracht hat
Ron Garan ist längst wieder unten. Er verkauft keine Rettung und keinen Plan B, er wiederholt seit Jahren nur drei Sätze: Die Erde ist schön. Die Erde ist zerbrechlich. Die Erde ist das einzige Zuhause, das es gibt. Aber vielleicht ist die eigentliche Botschaft noch einfacher. Die Apfelschale, unter der du gerade atmest, ist dieselbe, unter der jeder andere Mensch atmet, jedes Tier, jeder Baum. Es gibt keine Passagiere auf diesem Schiff, und das ist keine Last, sondern die beste Nachricht überhaupt: Du gehörst dazu, du wirst gebraucht, und jeder Schritt vor deiner Haustür zählt mit.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in das Thema Blick von oben und Verbundenheit einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) The Orbital Perspective von Ron Garan*, sein eigenes Buch über die Reise von 71 Millionen Meilen und das, was er von dort oben mitgebracht hat.
2) Bücher zum Overview-Effekt*, wenn du wissen willst, wie andere Raumfahrer den Blick zurück auf die Erde erlebt haben.
3) Blauer Punkt im All von Carl Sagan*, das Buch zu dem Foto aus sechs Milliarden Kilometern Entfernung, aus dem das Zitat oben stammt.
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Das alles ist mir schon mein Leben lang klar, und ich versuche, verantwortungsbewusst zu leben und habe das auch meinen Kindern weitergegeben.
Ich glaube, dass in der Familie der Grundstein gelegt wird für echte Liebe. Denn ohne sie wird es keine Erkenntnis geben
geben.
Absolut richtig erkannt. Das kann ich nur unterschreiben, obwohl ich nicht im Sinne dieser Welt, dieser Technik im Raum war, aber ich habe genau diese Erde, diesen blauen Planeten, so gesehen -von aussen, vom Weltenraum aus, vor meiner Geburt hierauf und lange bevor unsere Technik solche Bilder zuliess.