Giersch: Die vergessene Heilpflanze direkt vor unserer Haustür, die Gicht und Rheuma lindern kann
Es gibt in fast jedem Garten diese eine Pflanze, die uns regelmäßig zur Verzweiflung bringt. Sie wuchert, sie kriecht, sie kommt immer wieder, ganz gleich wie tief wir die Wurzeln ausgraben. Wir reißen sie aus, schimpfen leise, werfen sie auf den Komposthaufen. Und genau in diesem Moment werfen wir eines der wertvollsten heimischen Heilkräuter weg, das unsere Großmütter noch geschätzt haben, das die Klostermedizin seit Jahrhunderten verwendet, und dessen Inhaltsstoffe heute sogar von der modernen Pharmakologie wiederentdeckt werden. Gemeint ist der Giersch.

Wir laden dich ein, deine Perspektive auf diese unscheinbare Pflanze zu wandeln. Denn was wir bisher als Plage bekämpft haben, könnte sich als stiller Heiler direkt vor unserer Haustür entpuppen, der genau das gibt, was unsere übersäuerten, entzündungsanfälligen Körper in der modernen Welt am dringendsten brauchen.
Ein Name, der seine Geschichte erzählt
Der lateinische Name verrät uns alles, was wir wissen müssen: Aegopodium podagraria. Podagra ist das alte Wort für Gicht, jene schmerzhafte Erkrankung der Gelenke, die schon im Mittelalter weit verbreitet war. Im Volksmund hieß die Pflanze deshalb auch „Zipperleinskraut“, abgeleitet vom alten Begriff „Zipperlein“ für Gichtschmerzen.
Bereits Hieronymus Bock, einer der bedeutendsten Botaniker der Renaissance, beschrieb Giersch 1539 in seinem berühmten Werk „New Kreütter Buch“ als wirksames Mittel gegen Gicht und Rheuma. Mönche pflanzten Giersch gezielt in ihren Klostergärten an, nicht zur Zierde, sondern als heilende Speise für gichtgeplagte Brüder. Der berühmte Schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle empfahl Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem großen Kräuterheilbuch noch täglich eine Handvoll junger Giersch-Blätter als Salat oder Pesto.
Alle Wiesen und Matten, alle Berg und Hügel sind Apotheken.
Paracelsus, Arzt und Naturforscher, 1493 bis 1541
Was die moderne Wissenschaft über Giersch herausfindet
Lange galt Giersch in der akademischen Welt als botanische Randerscheinung. Doch in den letzten Jahren häufen sich die Studien. Eine umfassende Übersichtsarbeit polnischer Forscher um Kamila Dębia, im April 2025 in der Fachzeitschrift Molecules erschienen, fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Giersch zeigt nachweislich entzündungshemmende, antioxidative, antibakterielle, harntreibende und nieren- sowie leberschützende Eigenschaften. Die vollständige Übersichtsarbeit ist hier nachzulesen.
Besonders spannend ist eine 2021 in der Fachzeitschrift Pharmaceuticals veröffentlichte Studie zu bioaktiven Verbindungen im Giersch. Die Forscher um Karolina Jakubczyk konnten zeigen, dass Ethanol-Extrakte aus Giersch-Blättern eine hohe Konzentration an Polyphenolen und ätherischen Ölen enthalten und Zellen messbar vor oxidativem Stress schützen. Die Pflanze enthält dabei auch Falcarinol und Falcarindiol, zwei bioaktive Polyacetylene, also natürliche Pflanzenstoffe, die wir auch aus Möhren und Petersilie kennen, und denen entzündungshemmende und sogar krebsforschungsrelevante Wirkungen zugeschrieben werden.
Eine litauische Forschergruppe um Renata Baranauskienė hat im Dezember 2025 das ätherische Öl der Giersch-Blätter genauer untersucht und über 117 verschiedene Inhaltsstoffe identifiziert. Die Hauptkomponenten sind dabei Germacren D und Beta-Bergamoten, beides Sesquiterpene mit nachgewiesener antioxidativer Wirkung.
Die Heilkraft gegen Gicht: kein Volksmythos, sondern erklärbare Chemie
Warum hilft Giersch bei Gicht? Die Antwort liegt in einem klassischen biochemischen Mechanismus. Gicht entsteht, wenn sich überschüssige Harnsäure im Körper ansammelt und in den Gelenken zu schmerzhaften Kristallen wird. Giersch enthält basische Mineralstoffe wie Kalium, Calcium und Magnesium, die helfen können, die Säurelast im Körper auszugleichen, und wirkt zusätzlich harntreibend, was die Ausscheidung von Harnsäure unterstützt.
Was die Klostermedizin seit über 900 Jahren intuitiv erkannt hat, lässt sich heute pharmakologisch zumindest in Teilen erklären. Eine ukrainische Forschergruppe hat in einer Tierstudie 2016 sogar gezeigt, dass eine Giersch-Tinktur in Kombination mit niedrigdosiertem Metformin den Blutzucker- und Fettstoffwechsel in einem Diabetes-Modell verbessern konnte. Es ist also nicht nur Volkstradition, was unsere Vorfahren in dieser Pflanze gesehen haben.
Reich an Vitamin C, Eiweiß und Mineralien
Ein 100-Gramm-Bund junger Giersch-Blätter liefert nach Studienlage etwa 46 Milligramm Vitamin C, was ungefähr der Menge einer Zitrone entspricht. Dazu kommt ein bemerkenswerter Eiweißgehalt, eine Vielzahl an Carotinoiden (also Vorstufen von Vitamin A) sowie die genannten basischen Mineralstoffe. Wer einmal verstanden hat, dass diese Nährstoffdichte direkt im eigenen Garten wächst, blickt anders auf das, was er bisher als Unkraut weggeworfen hat.
Ähnlich wie bei der Brennnessel, jener anderen großen Heilpflanze direkt vor unserer Haustür, ist es genau die Wildheit der Pflanze, die ihre Nährstoffdichte erklärt. Während Kultursalate seit Jahrzehnten auf Geschmack und Größe gezüchtet werden und dabei viele Mikronährstoffe verloren haben, sind Wildkräuter wie Giersch noch das, was Pflanzen ursprünglich waren: hochkonzentrierte Mineralstoff- und Vitamin-Pakete, die unter natürlichen Bedingungen wachsen, ohne Düngung, ohne Stress, in tiefer Verbindung zum Boden.
Die 3-3-Regel: sicher erkennen, sicher unterscheiden
Bevor wir uns ans Sammeln machen, ist ein Punkt entscheidend: Giersch hat einen giftigen Doppelgänger, die Hundspetersilie (Aethusa cynapium). Die beiden Pflanzen wachsen oft am selben Ort und sehen auf den ersten Blick ähnlich aus. Doch wer einmal die 3-3-Regel verinnerlicht hat, kommt nie wieder durcheinander.
1) Der Stiel ist dreikantig, im Querschnitt klar als Dreieck zu erkennen. Hundspetersilie hat einen runden Stiel.
2) Das Blatt ist dreigeteilt in drei deutlich abgegrenzte Blättchen, die wiederum gezackt sind.
3) Der Blattaufbau erfolgt in drei Blattgruppen entlang des Stiels.
Drei mal drei, das ist Giersch. Als zusätzlichen Sicherheitscheck können wir ein Blatt zwischen den Fingern zerreiben: Giersch riecht würzig nach Möhren und Petersilie, leicht nussig. Hundspetersilie hingegen riecht unangenehm streng, fast knoblauchartig-stinkend. Wer beide einmal nebeneinander gerochen hat, verwechselt sie nie wieder.
Der entscheidende Fehler bei der Zubereitung
Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem die meisten Menschen sich versehentlich um die Heilwirkung bringen. Sie kochen den Giersch. Sie blanchieren ihn, geben ihn in die Suppe, kochen daraus eine spinatähnliche Beilage. Doch Hitze über etwa sechzig Grad zerstört einen Großteil des Vitamin C und denaturiert empfindliche sekundäre Pflanzenstoffe. Die wertvollsten Wirkstoffe verpuffen schlicht im Kochwasser.
Roh essen ist deshalb der Schlüssel. Junge, hellgrüne Blätter werden idealerweise zwischen März und Mai vor der Blüte geerntet, am besten am Waldrand oder an ungespritzten, ungedüngten Stellen abseits von Hundewegen. Wer mehr darüber erfahren möchte, wie man Wildkräuter sicher und ergiebig sammelt, findet eine schöne Inspiration im Mundraub-Konzept, das Karten freier Sammelplätze zeigt.

Drei einfache Wege, Giersch in den Alltag zu holen
1) Das Heilpesto in drei Minuten: eine Handvoll junge Giersch-Blätter, eine Handvoll Pinienkerne, drei Esslöffel kaltgepresstes Olivenöl, eine Knoblauchzehe, etwas Salz. Alles im Mixer kurz zerkleinern, bis eine cremige Paste entsteht. Drei Esslöffel täglich als Dip für knackige Karotten-, Gurken- und Sellerie-Sticks, als cremige Füllung in einer Avocado-Hälfte oder einfach löffelweise zum Blattsalat gegeben, und wir nehmen die Wirkstoffe in voller roher Form auf. Schmeckt überraschend wie italienisches Pesto, wirkt aber ganz anders.
2) Im grünen Smoothie: zwei bis drei Stiele Giersch zusammen mit einer Banane, einem Apfel, etwas Ingwer und Wasser pürieren. Eine wunderbare Möglichkeit, die Pflanze in größeren Mengen zu verzehren, ohne dass der Geschmack zu intensiv wird. Mehr zu den ganzheitlichen Vorteilen dieser Zubereitung findest du in unserem Beitrag über grüne Smoothies und ihre heilende Kraft.
3) Als frischer Wildsalat: junge Blätter klein gehackt zum Mischsalat geben, mit etwas Zitrone, kaltgepresstem Olivenöl und Hanfsamen. Die Bitterstoffe regen unsere Verdauung an, und zugleich nehmen wir all die wertvollen Mineralien und Pflanzenstoffe ungekocht auf.
Warum wir das vergessen haben
Es ist eine bemerkenswerte Frage, warum solch eine wertvolle Pflanze in unserer modernen Kultur als „Unkraut“ gilt. Die Antwort hat viel mit dem zu tun, was sich nicht vermarkten lässt. Giersch wächst kostenlos, in jedem Garten, fast nicht totzukriegen. Es gibt keine Industrie, die ein Interesse daran hätte, ihn zu bewerben. Keine Marketingabteilung, die ihn als Superfood positioniert. Keine Pharmafirma, die aus ihm ein Patent ableiten könnte. Und so verschwand das Wissen um seine Heilkraft aus den Apotheken, aus den Küchen, aus dem kollektiven Bewusstsein. Ähnlich wie beim Löwenzahn, einer weiteren großartigen Wildpflanze, die zu Unrecht als Unkraut gilt.
Was bleibt, ist das, was unsere Vorfahren intuitiv wussten und was die moderne Forschung Stück für Stück bestätigt: Manche der heilsamsten Pflanzen wachsen genau dort, wo wir sie am wenigsten erwarten. Direkt vor unserer Tür. Kostenlos. In üppiger Fülle. Und sie warten nur darauf, dass wir sie wieder sehen.
Eine Pflanze, die uns etwas zu lehren hat
Vielleicht ist der Giersch mehr als nur ein vergessenes Heilkraut. Vielleicht ist er auch ein Spiegel für unseren Umgang mit der Natur. Wir haben verlernt, hinzusehen. Wir haben Pflanzen kategorisiert in „nützlich“ und „Unkraut“, in „wertvoll“ und „lästig“, oft ohne uns die Mühe zu machen, sie wirklich kennenzulernen. Der Giersch erinnert uns daran, dass diese Kategorien menschliche Erfindungen sind. Die Natur kennt sie nicht. Sie schenkt uns mit jeder Pflanze etwas, wir müssen nur lernen, das Geschenk anzunehmen.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in das Thema Wildkräuter und Heilpflanzen einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Das große Kräuterheilbuch von Pater Künzle*, der zeitlose Klassiker der naturheilkundlichen Kräuterweisheit, in dem auch Giersch ausführlich beschrieben wird.
2) Wildkräuter-Bestimmungsbuch*, ein verlässlicher Begleiter, der dir hilft, Giersch und seine Verwandten sicher zu erkennen und vom giftigen Doppelgänger zu unterscheiden.
3) Wolf-Dieter Storl Wildkräuter-Bücher*, der bekannte Ethnobotaniker schreibt mit unvergleichlicher Tiefe über die Bedeutung heimischer Heilpflanzen für Körper und Seele.
*Die mit Sternchen markierten Links sind Empfehlungs-Links. Mit einem Kauf schenkst du uns ein kleines Dankeschön und hältst diesen Blog lebendig. Für dich entstehen dabei keine Mehrkosten.
Wie ist das bei dir? Reißt du Giersch noch immer aus dem Garten, oder hast du ihn längst als kulinarischen und heilsamen Begleiter entdeckt? Wir freuen uns, wenn du deine Erfahrungen, Rezepte und Geschichten rund um diese unterschätzte Pflanze in den Kommentaren mit uns teilst.
⚖️ Disclaimer: Dieser Beitrag informiert über traditionelles Heilpflanzen-Wissen und aktuelle Forschungsergebnisse, ersetzt aber keine medizinische Beratung. Bei akuten gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an einen Arzt oder Heilpraktiker deines Vertrauens. Sammle Wildkräuter ausschließlich an ungespritzten, sauberen Stellen und achte sorgfältig auf die Unterscheidung zum giftigen Doppelgänger Hundspetersilie.








