Pestizidfrei und trotzdem höhere Erträge: Was eine zehnjährige Studie über die Mythen der Agrarindustrie verrät
Wenn eine staatliche Großstudie zehn Jahre lang neun verschiedene Anbausysteme begleitet, alle ohne synthetische Pestizide, und am Ende zeigt, dass es funktioniert, sollte das eine kleine landwirtschaftliche Revolution auslösen.
Stattdessen wird das Thema in den meisten Tageszeitungen mit einer Randnotiz abgehandelt. Genau diese Schieflage zwischen Beweislage und öffentlicher Wahrnehmung wollen wir in diesem Beitrag aufgreifen.
Denn die Zahlen, die das französische nationale Agrarforschungsinstitut INRAE im Februar 2026 vorgelegt hat, verdienen Aufmerksamkeit.
Was die Forscher zehn Jahre lang dokumentiert haben
Das Rés0Pest-Netzwerk, koordiniert vom INRAE und unterstützt von der Ingenieurschule Purpan, dem Forschungszentrum CIRAD und der Iowa State University, hat zwischen 2012 und 2022 neun Anbausysteme an verschiedenen Standorten Frankreichs untersucht. Das Versprechen: Anbau ohne ein einziges synthetisches Pestizid. Das Ziel: prüfen, ob sich Erträge und wirtschaftliche Tragfähigkeit halten lassen, wenn der Acker giftfrei bleibt. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal Plant Disease veröffentlicht und stellen ein zentrales Narrativ der Agrarindustrie infrage.
Statt auf Spritzmittel setzten die Forscher auf drei Hebel: vorbeugende Maßnahmen, also gesundes Saatgut und gereinigte Maschinen, dann auf Pflanzenvielfalt mit langen, abwechslungsreichen Fruchtfolgen, und schließlich auf Bodengesundheit, getragen von Zwischenfrüchten und schonender Bearbeitung. Der Boden wurde wieder zum Mitspieler, nicht zum Opfer. Wer kurz innehält, erkennt darin nichts grundlegend Neues, sondern altes bäuerliches Wissen, das jahrhundertelang den Ackerbau in Europa getragen hat.
Auzeville, Weizen, 2018: Pestizidfrei schlägt konventionell
Eines der besonders bemerkenswerten Ergebnisse stammt vom Versuchsbetrieb Auzeville bei Toulouse. Im Jahr 2018 brachte der pestizidfreie Weizen dort 500 Gramm Korn pro Quadratmeter, während der konventionell mit Pestiziden behandelte Weizen bei rund 400 Gramm lag. Eine Differenz, die in der landwirtschaftlichen Praxis erheblich ist. Auch bei Hartweizen erreichten die pestizidfreien Flächen 2017 die Erträge konventioneller Vergleichsfelder, bei Triticale lagen sie 2016 und 2019 sogar darüber.
Besonders aufschlussreich sind die Resultate bei Kulturen, die in der konventionellen Welt als pestizidabhängig gelten. Zuckerrüben, denen man ohne Insektizide bis zu 50 Prozent Ernteausfall prognostiziert hatte, brachten am Ende doppelt so viel Ertrag wie vorhergesagt und lagen damit auf Augenhöhe mit konventionell angebauten Rüben derselben Region. Ähnliche Muster zeigten sich bei Raps und Kartoffeln. Wer das nüchtern betrachtet, kommt nicht umhin festzustellen: Die Vorhersagen der Industrie waren nicht nur falsch, sie waren systematisch zu pessimistisch.
Was vielleicht noch wichtiger ist als der Ertrag
Neben den Erträgen haben die Forscher die wirtschaftliche Tragfähigkeit erfasst, und auch hier überrascht das Bild. An vier der untersuchten Standorte lag das geschätzte Einkommen in 45 Prozent der Jahre beim Zwei- bis Dreifachen des französischen Mindestlohns, in weiteren 35 Prozent sogar darüber. Das bedeutet konkret: Höfe, die ohne synthetische Pestizide arbeiten, können nicht nur überleben, sondern wirtschaftlich gut dastehen. Vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen.
Die Forscher betonen, dass es nicht reicht, einfach das Spritzmittel wegzulassen. Es braucht diversifizierte Fruchtfolgen, passende Absatzwege und eine faire Wertschöpfung der Erzeugnisse. Pestizidfreie Landwirtschaft ist also kein Mehraufwand für Romantiker, sondern ein professionelles System, das gelernt und unterstützt werden will. Wenn ein Bundesstaat in Indien seine Bauern dafür bezahlt, vollständig auf Bio umzustellen, wie wir in einem früheren Beitrag bereits beschrieben haben, dann zeigt das, wie politische Unterstützung den Wandel beschleunigen kann.
Warum hören wir davon so selten?
Die nächste Frage drängt sich auf: Wenn pestizidfrei wirtschaftlich und ertragsstark möglich ist, warum werden in Deutschland Jahr für Jahr rund 30.000 Tonnen Pestizidwirkstoff auf Felder gebracht? Warum bleibt Glyphosat in der Diskussion, anstatt längst Geschichte zu sein? Ein Teil der Antwort liegt in den Strukturen, die Wissen kuratieren. Großstudien zur Wirksamkeit von Pestiziden werden oft von Herstellern selbst finanziert oder im Rahmen von Zulassungsverfahren erstellt, die nicht primär die Frage stellen, ob es auch ohne ginge.
Hinzu kommt eine Drehtür zwischen Aufsichtsbehörden und Industrie, die in den letzten Jahren in mehreren europäischen Ländern dokumentiert wurde. Wer profitiert, wenn das Problem bestehen bleibt, ist eine Frage, die selten offen gestellt wird, obwohl sie eine der wichtigsten ist. Länder wie Mexiko und Peru haben begonnen, eigene Wege zu gehen. Wie Mexiko Monsanto den Kampf angesagt hat und Peru sein Verbot bis 2035 verlängert hat, sind Beispiele dafür, dass politischer Mut möglich ist.
Auch eine weitere Beobachtung verdient Aufmerksamkeit. Die Vorhersagen für Ertragsverluste ohne Pestizide, die in den letzten Jahren immer wieder in der öffentlichen Debatte zitiert wurden, stammten häufig aus Modellrechnungen, nicht aus Langzeitversuchen mit echtem Boden, echtem Wetter und echter Pflanzenvielfalt. Die Rés0Pest-Daten zeigen, wie weit Modell und Wirklichkeit auseinanderliegen können, sobald ein System wirklich umgestellt wird und sich Bodenleben, Bestäuber und Fruchtfolgen über Jahre einspielen dürfen. Das ist mehr als eine wissenschaftliche Fußnote, das ist die Einladung, ganze Behauptungsketten neu zu prüfen.
Altes Wissen, das die Forschung gerade wiederentdeckt
Was die Wissenschaftler im Rés0Pest-Netzwerk tun, ist keine wirklich neue Erfindung, sondern eine systematische Bestätigung dessen, was bäuerliches Wissen seit Jahrhunderten weitergegeben hat. Lange Fruchtfolgen, Mischkultur, Zwischenfrüchte, gesundes Saatgut, ein lebendiger Boden: Das alles findet sich in den Schriften der Klosterheilkunde, in den Beobachtungen Hildegards von Bingen, in der Permakultur-Tradition und in der bäuerlichen Praxis der vorindustriellen Zeit.
Italienische Landwirte zum Beispiel bauen heute Hanf an, um kontaminierten Boden zu reinigen. Und wer sich altes Saatgut sichern möchte, findet in unserer Liste zu Saatgut wie in alten Zeiten wertvolle Hinweise, wie sich Vielfalt im eigenen Garten oder im Hof bewahren lässt. Das, was als „neu“ verkauft wird, ist oft nur das Vergessene, das endlich wieder Platz bekommt.
Hildegard von Bingen sprach im zwölften Jahrhundert von der „Viriditas“, der Grünkraft, die in jeder Pflanze und in jedem gesunden Boden wirkt. Wer ihre Schriften liest, erkennt, wie selbstverständlich für sie der Boden ein lebendiger Organismus war, kein chemischer Speicher. Auch Paracelsus mahnte, dass die Dosis das Gift mache. Eine Weisheit, die heute in der Diskussion um Pestizidrückstände auf Obst und Gemüse eine andere Schärfe bekommt. Permakultur, Mischanbau und der Verzicht auf Monokulturen sind keine modischen Trends, sondern Antworten, die sich über Jahrhunderte bewährt haben und nun von der Forschung Stück für Stück bestätigt werden.
Wir testen die Machbarkeit pestizidfreier Anbausysteme. Ein öffentliches Forschungsinstitut muss bereit sein, Risiken einzugehen, um den gesamten Möglichkeitsraum zu erkunden.
Jean-Noël Aubertot, INRAE Forschungsdirektor, 2026
Was bedeutet das für unseren Alltag?
Auch wenn die meisten von uns keine Felder bewirtschaften, ist diese Studie für uns relevant. Jeder Einkauf ist eine Entscheidung darüber, welche Landwirtschaft wir mit unserer Kaufkraft fördern. Bio-Siegel, regionale Höfe, solidarische Landwirtschaft und Hofläden sind Wege, das pestizidfreie Modell zu stärken, lange bevor Politik nachzieht. Wir haben die Möglichkeit, die Veränderung selbst zu tragen, eine Tomate, einen Salat, ein Brot nach dem anderen.
1) Regional und saisonal einkaufen. Wer beim Bauernhof um die Ecke kauft, hat oft direkten Kontakt und kann nach den Spritz- oder Anbaupraktiken fragen.
2) Bio bevorzugen, wo möglich. Bio bedeutet nicht nur weniger Pestizide auf dem Teller, sondern auch ein gestärktes wirtschaftliches Signal an Höfe, die ohne synthetische Mittel arbeiten.
3) Obst und Gemüse gründlich reinigen, falls nicht bio. Welche einfachen Hausmittel dabei helfen, haben wir in diesem Beitrag ausführlich beschrieben.
4) Den eigenen Körper unterstützen. Falls du in der Vergangenheit viele konventionelle Lebensmittel gegessen hast, lohnt ein Blick auf sanfte Wege der Glyphosat-Entgiftung.
5) Selber anbauen, auch im Kleinen. Ein Balkonkasten mit Kräutern oder ein kleines Hochbeet sind ein Anfang, der die Verbindung zur Erde wieder spürbar macht.

Eine stille Hoffnung mit klarer Botschaft
Es ist leicht, beim Thema Pestizide in Resignation zu verfallen. Die Felder sind groß, die Konzerne mächtig, die Politik langsam. Und doch zeigt diese Studie etwas, das uns Mut machen darf. Es geht ohne Gift. Es geht wirtschaftlich. Es geht im Großen. Was fehlt, ist nicht das Können, sondern der Wille, und der wächst dort, wo Menschen anfangen, andere Fragen zu stellen.
Vielleicht spüren wir es auch selbst, wenn wir einen Apfel aus dem eigenen Garten neben einen aus dem Supermarkt halten. Der Körper weiß oft mehr, als wir denken. Und der Boden, dieses lebendige Geflecht aus Pilzen, Bakterien, Würmern und Wurzeln, kann mit erstaunlicher Geduld zurückkehren, wenn wir ihm den Raum dafür lassen. Die INRAE-Studie ist nicht weniger als ein Beweis dafür, dass der Wandel möglich ist, sobald wir den Mut finden, anders zu denken.
Empfehlungen zum Thema:
Für alle, die das Thema vertiefen oder selbst aktiv werden möchten, haben wir die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Samenfestes Bio-Saatgut-Set*, alte Sorten, vermehrbar, ein Schatz für den eigenen Garten und ein leiser Gegenentwurf zu Konzern-Saatgut.
2) Permakultur-Praxisbuch*, ein fundierter Einstieg in eine Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet, nicht gegen sie.
3) Obst- und Gemüse-Waschmittel auf Natronbasis*, für die alltägliche Reinigung konventioneller Lebensmittel von Spritzrückständen.
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