Wird die Kraft, uns selbst zu heilen, immer größer?
Forscher der McGill University werteten 84 Studien zu Schmerzmitteln aus und trauten ihren Augen kaum: 1996 linderten die Medikamente den Schmerz noch um 27 Prozent besser als eine Zuckerpille, 2013 nur noch um 9 Prozent. Eine Zuckerpille enthält keinen Wirkstoff, sie hilft allein durch den Glauben an ihre Wirkung. Nicht die Medikamente waren schwächer geworden. Die Kraft, die aus dem Glauben an Heilung entsteht, war stärker geworden.

Stell dir eine Pille vor, in der nichts steckt außer Zucker. Und trotzdem lässt der Schmerz nach, und im Gehirn beginnen körpereigene Schmerzstiller zu arbeiten. Was da wirkt, bist du selbst. Die Wissenschaft nennt es Placebo-Effekt. Mystiker und Schamanen haben es seit jeher anders genannt: die Kraft, uns selbst zu heilen.
Du erfährst hier, warum Zuckerpillen sogar dann wirken, wenn man offen sagt, dass es Zuckerpillen sind. Warum dieselbe Pille stärker lindert, wenn sie 2,50 Dollar kostet statt 10 Cent. Warum in 186 Studien rund die Hälfte der gesamten Wirkung einer Behandlung gar nicht aus dem Mittel selbst kam. Was Benjamin Franklin damit zu tun hat. Und wie du deine innere Apotheke öffnest. Höchste Zeit, diese Kraft ernst zu nehmen!
Die Zuckerpille holt auf
Das Team um den Schmerzforscher Jeffrey Mogil hat im Fachjournal Pain Studien zu Mitteln gegen chronische Nervenschmerzen aus den Jahren 1990 bis 2013 ausgewertet. Die Wirkung der Medikamente blieb gleich, die Wirkung der Zuckerpille stieg deutlich an. „Wir waren absolut verblüfft“, sagte Mogil dem Wissenschaftsmagazin Nature.
Auffällig dabei: Der Anstieg zeigte sich vor allem in US-Studien, die zugleich größer wurden und länger liefen, zuletzt zwölf statt vier Wochen. Je länger Menschen begleitet werden, desto mehr Raum bekommt ihre Erwartung, vermuten die Forscher. Ganz gelöst ist das Rätsel damit, ehrlich gesagt, nicht.
„Mit anderen Worten ist die Zuckerpille bei der Schmerzlinderung fast so wirksam geworden wie Medikamente.“
Carolyn Gregoire, Placebo Effect Puzzle Has Scientists Scratching Their Heads, Huffington Post 2015
Und es bleibt nicht beim Schmerz. Eine Auswertung der TU München über 60 Jahre Forschung zu Psychose-Medikamenten, mit 167 Studien und gut 28.000 Teilnehmenden, kam 2017 zum selben Muster: Die Placebo-Antwort stieg, die Wirkung der Medikamente blieb stabil. Die US-Arzneimittelbehörde bestätigte 2020 in einer eigenen Auswertung, dass sich dieser Trend fortsetzt. Bei der Vorbeugung von Migräne zeigte eine Analyse von 83 Studien aus drei Jahrzehnten dasselbe Bild.
Wie viel der Heilwirkung auf das Drumherum entfällt, hat ein Forschungsteam aus Kopenhagen in 186 Studien mit gut 16.000 Patienten berechnet. Im Schnitt gingen 54 Prozent der gesamten Behandlungswirkung auf sogenannte Kontexteffekte zurück, also auf alles, was allein dadurch geschieht, dass jemand behandelt wird.
Wer profitiert, wenn die Erwartung heilt?
Die McGill-Forscher hatten noch eine zweite Erklärung im Blick. Nur zwei Länder der Welt erlauben Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente, die sich direkt an Patienten richtet: die USA und Neuseeland. Wer ständig Bilder von glücklichen, schmerzfreien Menschen sieht, geht mit großer Hoffnung in jede Behandlung, auch in die mit der Zuckerpille.
Rund die Hälfte des weltweiten Umsatzes mit verschreibungspflichtigen Medikamenten entfiel 2022 auf die USA, so das US-Gesundheitsministerium, obwohl dort nur gut vier Prozent der Weltbevölkerung leben. Gut jeder neunte Erwachsene nahm dort 2023 ein Mittel gegen Depressionen. Carolyn Gregoire brachte die Folge in der Huffington Post auf den Punkt: „Wenn der Placebo-Effekt so weiter voranschreitet, könnten es amerikanische Pharmaunternehmen zunehmend schwer haben, die Verbraucher zum Kauf neuer Medikamente zu bewegen.“
„Obgleich Placebo möglicherweise keine zukunftsträchtige Behandlungsform sein kann, gibt es andere Behandlungen, die im Durchschnitt genauso gut wirken wie Antidepressiva, so etwa körperliche Betätigung und kognitive Verhaltenstherapie. Soweit wir wissen, machen diese Alternativen die Menschen nicht noch schlimmer.“
Irving Kirsch im Time Magazine 2012

1784: Als die Einbildungskraft vor Gericht stand
Paris, 1784. Der König lässt den Wunderheiler Franz Anton Mesmer prüfen, der behauptet, eine unsichtbare magnetische Kraft durchströme alle Lebewesen. In der Kommission sitzen Benjamin Franklin und der Chemiker Antoine Lavoisier, und sie tun etwas damals völlig Neues: Sie verbinden den Versuchspersonen die Augen und sagen ihnen mal die Wahrheit, mal nicht.
Das Ergebnis steht im Bericht der Kommission. Die Versuche hätten „auf überzeugende Weise bewiesen, dass die Einbildungskraft ohne Magnetismus alle Wirkungen hervorbringt, die man dem Magnetismus zuschreibt“. Wer glaubte, behandelt zu werden, bekam die typischen Krämpfe. Wer ahnungslos behandelt wurde, spürte nichts. Damit war Mesmer erledigt.
Aber schau noch einmal genau hin. Die klügsten Köpfe ihrer Zeit hatten eben bewiesen, dass eine bloße Erwartung den Körper bis in die Muskeln hinein verändern kann. Und genau das erklärten sie für bedeutungslos, die stärkste Wirkung des ganzen Versuchs galt als Täuschung. Dass „nur ein Placebo“ bis heute wie ein Schimpfwort klingt, ärgert uns jedes Mal. Der Anthropologe Daniel Moerman schlug 2002 vor, lieber von einer „Bedeutungsreaktion“ zu sprechen, denn der Mensch antwortet auf das, was eine Behandlung für ihn bedeutet.
Das Wort selbst ist Latein für „ich werde gefallen“, so beginnt ein Psalmvers, mit dem im Mittelalter die Totenvesper eröffnet wurde. Ab 1785 hieß so ein Mittel, das dem Kranken eher gefallen als nützen sollte. (Im hebräischen Urtext steht übrigens etwas anderes, die Schlachter 2000 übersetzt: „Ich werde wandeln vor dem HERRN im Land der Lebendigen.“) Vom Gefallen zum Wandeln, vielleicht die schönere Übersetzung für das, was da in uns geschieht.
Die Apotheke im eigenen Kopf
Lange hieß es, beim Placebo bilde man sich die Besserung nur ein. In der Realität lässt sie sich bis in die Botenstoffe verfolgen. 1978 bekamen Patienten nach dem Ziehen von Weisheitszähnen Naloxon, das die körpereigenen Opiate blockiert. Bei allen, denen das Placebo geholfen hatte, kehrte der Schmerz zurück. Der Körper hatte seine eigenen Schmerzstiller, die Endorphine, ausgeschüttet. Mehr dazu im Beitrag über die erhebende Wirkung von Endorphinen.
Bei Menschen mit Parkinson setzte eine Scheinbehandlung messbar Dopamin im Gehirn frei, genau den Botenstoff, der ihnen fehlt. Und in Essen zeigte das Team um Manfred Schedlowski, dass sogar das Immunsystem lernt: Gesunde Freiwillige bekamen mehrfach ein immundämpfendes Medikament zusammen mit einem auffällig schmeckenden Getränk. Später reichte das Getränk mit einer Scheinkapsel, und ihre Abwehr wurde messbar gedämpft, ganz ohne Wirkstoff.
Wie fein der Körper auf Bedeutung reagiert, zeigt ein fast schon amüsanter Versuch von 2008: identische Zuckerpillen, einmal zum Preis von 2,50 Dollar, einmal auf 10 Cent herabgesetzt. Mit der „teuren“ Pille spürten 85 Prozent weniger Schmerz, mit der „billigen“ nur 61 Prozent. Gleicher Zucker, anderer Glaube.
Selbst bei Operationen zeigt sich das. 180 Menschen mit Kniearthrose bekamen eine Gelenkspiegelung oder nur einen kleinen Hautschnitt. Über zwei Jahre ging es der Scheingruppe genauso gut wie den Operierten.
Placebo ohne jede Täuschung
Jetzt wird es richtig spannend. Man würde erwarten, dass ein Placebo nur wirkt, solange man es nicht durchschaut. An der Harvard Medical School gab das Team um Ted Kaptchuk 2010 achtzig Menschen mit Reizdarm Zuckerpillen, ausdrücklich als Placebo, mit dem Hinweis, sie könnten „durch Selbstheilungsprozesse von Körper und Geist“ helfen. Nach drei Wochen ging es ihnen deutlich besser als der Vergleichsgruppe.
Dasselbe gelang in Portugal bei chronischem Rückenschmerz. In einer Nachbefragung fünf Jahre später hielt die Besserung an, und statt 87 nahmen nur noch 38 Prozent Schmerzmittel. Bei 122 Rückenschmerz-Patienten am Universitätsklinikum Essen linderten offene Placebos Schmerz, Einschränkung und gedrückte Stimmung. Eine Metaanalyse von 2021 fand die Wirkung bei ganz verschiedenen Beschwerden, vom Heuschnupfen bis zu Hitzewallungen.
Seit 2020 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Essen, Hamburg und Marburg einen eigenen Sonderforschungsbereich, „Treatment Expectation“, zunächst mit rund 12 Millionen Euro. Erforscht wird, wie Erwartung den Verlauf einer Krankheit und die Wirkung jeder Behandlung verändert. Eine schöne Vertiefung bietet der Beitrag über die Heilkraft des inneren Arztes.
Die Kehrseite: Wenn Worte krank machen
Erwartung wirkt in beide Richtungen. In der britischen SAMSON-Studie nahmen 60 Menschen, die ihre Cholesterinsenker wegen Beschwerden abgesetzt hatten, ein Jahr lang im Wechsel das Medikament, Zuckerpillen oder nichts. 90 Prozent der Beschwerden traten genauso unter den Zuckerpillen auf, berichteten die Forscher 2021. Die Symptome waren echt, nur kamen sie aus der Sorge und nicht aus dem Wirkstoff. Im Grunde ist dieser Nocebo-Effekt dieselbe Kraft mit umgekehrtem Vorzeichen.
Der Körper erzählt, was der Kopf vergessen hat
All das zeigt, wie sehr der Körper darauf angelegt ist, sich selbst zu regulieren. Eigentlich wäre es klug, ihm zuzuhören, wenn er über Symptome spricht. Meist wird der Schmerz stattdessen betäubt oder übergangen. Der Traumaforscher Peter Levine, Autor von „Das Erwachen des Tigers“, hat diesem Zuhören sein Lebenswerk gewidmet.
In Hunderten von Sitzungen erlebte er, wie die Körper seiner Klienten ihre Geschichten erzählten, auch ohne dass sie sich erinnerten. Sobald er sie behutsam zu ihren Körperempfindungen führte, brachte der Körper zu Ende, was unvollständig geblieben war. Für seine Methode Somatic Experiencing gibt es inzwischen eine erste kontrollierte Studie: Bei 63 Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung linderten 15 Sitzungen die Symptome und die Niedergeschlagenheit deutlich stärker als bloßes Abwarten.
„Warum muss der Mensch überhaupt geführt werden? Das größte Hindernis ist, wie unaufmerksam und ungewohnt wir mit unseren körperlichen Empfindungen umgehen. Unsere großen, hochentwickelten Gehirne überdenken und übersteuern ständig unsere körperlichen Bedürfnisse. Wir sind darauf trainiert, Anzeichen von Hunger, Schmerz, Unbehagen, Verletzung, Gefahr, aber auch Freude, Sättigung und Erfüllung zu ignorieren. Das Erstaunliche ist, wie fehlerverzeihend und antwortgebend der Körper ist. Sobald wir uns darauf eingestellt haben, beginnen die Veränderungen.“
Peter Levine

So öffnest du deine innere Apotheke
Das Schöne an diesen Studien: Sie lassen sich übersetzen, nicht in eine Zuckerpille, sondern in eine Haltung. Die ist uralt. In den Heiligtümern des Heilgottes Asklepios reinigten sich Kranke mit Wasser und legten sich zum Tempelschlaf nieder, um im Schlaf Heilung zu empfangen.
1) Gib deinen Heilritualen Bedeutung. Der Kräutertee am Abend oder das Öl für die schmerzende Schulter können mehr bewirken, wenn du sie bewusst vollziehst, weil dein Körper wie bei der teuren Pille auf Bedeutung antwortet.
2) Wiederhole, was dir guttut. Wie das Getränk in Essen zeigt, lernt der Körper über Verknüpfungen, und ein immer gleich gestaltetes Ritual wird mit der Zeit selbst zum Signal für Entspannung.
3) Achte auf Worte. Macht dir ein Beipackzettel Angst, sprich ihn mit deiner Ärztin oder deinem Apotheker durch, denn Sorge kann Beschwerden erzeugen, die aus keiner Tablette stammen.
4) Such dir Menschen, denen du vertraust. Erwartung entsteht im Gespräch. Wer sich bei einer Ärztin oder einem Therapeuten gesehen fühlt, geht mit mehr Zuversicht in jede Behandlung, und bei ernsten Erkrankungen ist genau diese Begleitung der Rahmen, in dem die innere Kraft am besten mitwirkt.
5) Hör in deinen Körper hinein. Ein paar stille Minuten am Tag, in denen du nur wahrnimmst, wo es zieht oder weit wird, sind im Sinne Levines der erste Schritt zur Selbstregulation. Was Stille im Gehirn bewirkt, zeigt der Beitrag darüber, wie Meditation die Hirnstruktur verändert.
„Durch das Erlernen der Körpersprache mittels Symptomen und Krankheit kannst du lernen, was in deiner Psyche und deinen Emotionen unterdrückt oder ignoriert wird und wie sich dies auf deinen physischen Körper auswirkt.“
Deb Shapiro, Your Body Speaks Your Mind

Ein Echo aus alter Zeit
Wird die Kraft, uns selbst zu heilen, also immer größer? Vielleicht war sie immer schon so groß, und die Forschung lernt gerade erst, sie wieder zu sehen. Was Franklins Kommission 1784 als Einbildung abtat, erforschen heute ganze Universitäten, und was Mystiker und Schamanen seit Jahrtausenden über die Heilkraft in uns sagen, klingt aus den Laboren wie ein spätes Echo zurück. Du musst dafür nichts kaufen und nichts schlucken. Diese Apotheke trägst du bereits in dir, sie ist geöffnet, Tag und Nacht, und sie wartet nur darauf, dass du ihr vertraust.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in das Thema Selbstheilung einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Joe Dispenza: Du bist das Placebo*, wie Erwartung den Körper verändert.
2) Peter A. Levine: Trauma-Heilung, Das Erwachen des Tigers*, der Klassiker über die Selbstregulation des Körpers.
3) Deb Shapiro: Your Body Speaks Your Mind*, wie Gefühle und Gedanken im Körper sichtbar werden.
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