☼ Bewusstsein, Psyche, Leben und Tod

Forscher zeigen: Wer Tiere, Menschen und sich selbst mit Mitgefühl behandelt, ist am glücklichsten

Forscher der McGill-Universität in Montreal haben 1.286 Menschen gefragt, wem sie ihr Mitgefühl schenken: anderen Menschen, Tieren oder sich selbst. Heraus kamen sechs ganz verschiedene Herzens-Typen. Und ausgerechnet die Selbstlosesten unter ihnen sind nicht die Glücklichsten.

Vielleicht kennst du das von dir selbst. Du bremst für jede Kröte auf der Landstraße, stellst im Sommer eine Wasserschale für die Amseln auf den Balkon und hast für die kranke Nachbarin noch einen Topf Suppe übrig. Und abends gehst du mit dir so hart ins Gericht, wie du es mit keinem anderen Wesen je tun würdest. Ein vergessener Rückruf reicht. Ein falsches Wort beim Elternabend. Schon tagt das innere Tribunal, und diesmal ohne Verteidigung.

Genau diesen Menschen hat die Forschung etwas Schönes zu sagen. Hier erfährst du, welcher der sechs Mitgefühls-Typen am besten durchs Leben kommt, warum pure Selbstlosigkeit ausgerechnet die eigenen Reserven leert, weshalb Tiere in dieser Studie eine eigene Rolle spielen und welche rund 1.500 Jahre alte Übung schon immer bei dir selbst angefangen hat. Dazu eine kleine Geste, bei der das Stresshormon Cortisol in einem Versuch mit 159 Menschen messbar weniger stark anstieg. Höchste Zeit, dich selbst in den Kreis zu holen.

Sechs Arten, das Herz zu öffnen

Hinter der Studie steht Bassam Khoury, Psychologe an der McGill-Universität, gemeinsam mit Rodrigo C. Vergara aus Santiago de Chile. Die beiden wollten nicht nur wissen, ob Menschen mitfühlend sind, sondern für wen. Für andere Menschen? Für Tiere? Für sich selbst? Und bleibt es beim Gefühl, oder wird daraus eine Tat? Gut 1.200 Erwachsene in Kanada füllten dafür Fragebögen zu Mitgefühl, Stress, Angst und Wohlbefinden aus.

Aus den Antworten schälten sich sechs Muster heraus, die das Team in der Fachzeitschrift Personality and Individual Differences beschreibt. Manche Menschen fühlen vor allem mit anderen, bei manchen schlägt das Herz in erster Linie für Tiere. Es gibt die Handelnden, die ganz auf Menschen Ausgerichteten, eine eher zurückhaltende Gruppe und die Rundum-Mitfühlenden, bei denen alle drei Richtungen hoch ausfallen. Diese letzte Gruppe hatte die beste seelische Verfassung und das höchste Wohlbefinden von allen.


Rund 200 der Teilnehmer wurden drei Monate später noch einmal befragt. Die Muster hielten. Nur eines wackelte ein wenig, und zwar das Tun. Khoury erklärt das ganz nüchtern: Mitfühlendes Handeln braucht Zeit, Energie und Gelegenheit, und die sind nicht jede Woche gleich verteilt. Das Mitgefühl im Kopf bleibt, die Hände haben manchmal Pause. (Ehrlich gesagt ist das eine der tröstlichsten Nebenbemerkungen, die wir seit Langem in einer Studie gelesen haben.) Die Grenzen seiner Arbeit benennt der Forscher übrigens selbst: Befragt wurden überwiegend Frauen und überwiegend Englischsprachige, gemischtere Gruppen sollen folgen.

Die Helfer, die sich selbst vergessen

Man würde erwarten, dass die Selbstlosesten am meisten zurückbekommen. In Montreal sah es anders aus. Die Muster mit einem Ungleichgewicht, allen voran jene mit wenig Mitgefühl für sich selbst, gingen mit schlechteren seelischen Werten einher. Wer nur nach außen Wärme verschenkt, hält das laut Khoury womöglich nicht lange durch.

Khoury nennt die Menschen, die er dabei vor Augen hat, sehr konkret: Pflegende, Menschen in Gesundheitsberufen, Lehrerinnen und Erzieher, Eltern und Aktivisten. Wer anderen gegenüber ungeheuer fürsorglich ist und mit sich selbst hart umgeht, hat laut seinen Ergebnissen eher eine schlechtere psychische Gesundheit.

Aktivisten. An diesem Wort sind wir beim ersten Lesen hängen geblieben. Gemeint sind auch all jene, die nachts noch Petitionen für Tiere teilen, eine Pflegestelle für Katzen anbieten oder am Wochenende auf dem Lebenshof ausmisten. Und es ärgert uns ein bisschen, wie lange diese Art der Selbstvergessenheit als Tugend galt.

„Selbstmitgefühl ist nicht egoistisch und keine Selbstverwöhnung. Es ist die Grundlage für eine Fürsorge, die auf Dauer trägt, und für die Fähigkeit, Mitgefühl auf alle fühlenden Wesen auszudehnen.“

Bassam Khoury, McGill-Universität, Pressemitteilung 2026 (übersetzt)

Im Flugzeug lautet die Regel, erst die eigene Sauerstoffmaske aufzusetzen und dann dem Kind daneben zu helfen. Mit dem Mitgefühl ist es offenbar ganz ähnlich, und das ist zutiefst ermutigend. Dass Geben und Helfen glücklich machen, bleibt richtig. Die Forschung hängt nur ein kleines Wort an: auch. Auch du gehörst zu den Wesen, denen dein Mitgefühl zusteht!

Warum die Tiere mit in den Kreis gehören

Was an dieser Arbeit auffällt: Tiere sind hier keine Randnotiz, sondern eine eigene Messgröße, gleichberechtigt neben den Mitmenschen und dem eigenen Selbst. Was auf dem Teller liegt, hat die Studie nicht gefragt (die Antwort hätte uns brennend interessiert). Aber sie zeigt: Das höchste Wohlbefinden fand sich dort, wo Mitgefühl mit Tieren zusammen mit dem für Menschen und für sich selbst auftrat.

Dass diese Richtungen zusammenhängen, ist übrigens nicht neu. Elizabeth Paul von der Universität Edinburgh befragte schon im Jahr 2000 gut 500 Erwachsene und fand, dass Empathie mit Tieren und Empathie mit Menschen messbar miteinander verbunden sind, wenn auch nicht deckungsgleich. Wer in der Kindheit mit Tieren aufwuchs oder heute mit ihnen lebt, zeigte mehr Einfühlung in Tiere. Wie sehr das schon die Kleinsten prägt, liest du im Beitrag über Kinder, die mit Haustieren aufwachsen.

Für ein veganes Leben ist das eine leise, schöne Bestätigung. Wer Tiere als fühlende Wesen sieht, trägt ein Drittel dieses runden Kreises längst in sich. Albert Schweitzer fasste diese Haltung 1923 in „Kultur und Ethik“ in einen einzigen Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Auffällig ist, womit er beginnt. Nicht mit den anderen, sondern mit dem eigenen Leben, das leben will.

Altes Wissen: Die Güte beginnt bei dir

Was Khoury in Zahlen gefasst hat, stand schon im 5. Jahrhundert in einem Lehrbuch. Der Mönch Buddhaghosa beschreibt im Visuddhimagga, dem „Weg der Reinheit“, die Meditation der liebenden Güte, auf Pali Metta. Sie beginnt nicht beim Freund und nicht beim Feind, sondern bei einem selbst. Wieder und wieder, bis der Wunsch vertraut ist. Erst dann wandert er weiter, über liebe und neutrale Menschen zu schwierigen und am Ende zu allen Wesen.

„Möge ich glücklich und frei von Leid sein.“

„So wie ich glücklich sein möchte und Schmerz fürchte, so wie ich leben und nicht sterben möchte, so geht es auch den anderen Wesen.“

Buddhaghosa, Visuddhimagga, Kapitel IX (5. Jahrhundert), nach der englischen Übertragung von Bhikkhu Ñāṇamoli

In der eigenen Kultur steckt dasselbe Prinzip in einem Satz aus dem 3. Buch Mose: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Meistens liest man über die letzten drei Worte einfach hinweg. Dabei setzen sie die Liebe zu sich selbst als Maß voraus.

Die amerikanische Psychologin Kristin Neff beschrieb 2003 drei Bausteine des Selbstmitgefühls: Freundlichkeit mit sich selbst statt harter Selbstkritik, das Wissen, dass Scheitern zum Menschsein gehört, und Achtsamkeit, die schwere Gefühle wahrnimmt, ohne in ihnen zu versinken. In 20 Stichproben aus 14 Studien fanden Forscher der Universität Glasgow einen großen Zusammenhang zwischen Selbstmitgefühl und seelischer Gesundheit. Je freundlicher Menschen mit sich umgehen, desto weniger Depression, Angst und Stress tragen sie in der Regel mit sich herum.

Und die Übung selbst entfaltet Kraft. In einem Feldexperiment der Psychologin Barbara Fredrickson begann die Hälfte von 139 Berufstätigen mit der Meditation der liebenden Güte. Mit der Zeit wuchsen die positiven Gefühle im Alltag, daraus Achtsamkeit, Sinn und Rückhalt durch andere. Am Ende standen mehr Lebenszufriedenheit und weniger depressive Symptome. Ein ähnliches Aufwärts-Muster kennst du vielleicht von der Dankbarkeit.

So holst du dich selbst in den Kreis

Die alten Lehrer haben es vorgemacht: nicht mit dem Schwersten anfangen, sondern mit dem Nächstliegenden. Und das bist im Grunde immer du.

1) Sprich mit dir wie mit deiner besten Freundin. Passiert dir ein Fehler, frag dich, was du jetzt einem lieben Menschen in derselben Lage sagen würdest, und sag genau diesen Satz zu dir. Die alten buddhistischen Lehrreden kennen dazu das Gleichnis vom Pfeil: Wer auf einen Schmerz mit innerem Aufruhr antwortet, wird gleich danach von einem zweiten Pfeil getroffen. Selbstvorwürfe sind so ein zweiter Pfeil, und den musst du nicht abschießen. Eine schöne Vertiefung dazu findest du im Beitrag über das innere Kind.

2) Leg eine Hand aufs Herz. Forschende der Goethe-Universität Frankfurt schickten 159 junge Erwachsene durch einen genormten Stresstest. Bei denen, die sich selbst mit einer Hand auf dem Herzen beruhigten, stieg das Stresshormon Cortisol weniger stark an, ganz ähnlich wie nach einer Umarmung. Deine eigene Hand kann offenbar etwas Ähnliches leisten wie die Arme eines anderen. Warum Umarmungen selbst so guttun, steht hier ausführlich.

3) Schenk dir abends eine Metta-Minute. Wünsch dir zuerst selbst in Gedanken, glücklich und frei von Leid zu sein. Dann einem Menschen, der dir am Herzen liegt, und zum Schluss einem Tier, vielleicht dem Igel, der nachts durch den Garten raschelt. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern dass du dich selbst nicht auslässt. So berührst du jeden Abend alle drei Richtungen, die in Montreal mit dem höchsten Wohlbefinden einhergingen.

4) Tu jede Woche eine kleine Sache für ein Tier. Weil das Tun laut Khoury am ehesten schwankt, wenn Kraft knapp wird, lohnen sich kleine Gesten: eine Wasserschale im Sommer, ein Laubhaufen als Winterquartier für Igel, ein paar Minuten für dein Tierheim. Solche Taten passen auch in volle Wochen, ohne dich auszulaugen.

5) Plane Pausen ein, ohne dich dafür zu rechtfertigen. Wer pflegt, erzieht, heilt oder für Tiere kämpft, braucht Erholung nicht als Belohnung, sondern als Voraussetzung. Einem erschöpften Tier würdest du ohne Zögern Ruhe gönnen, und dein Körper ist genauso ein Lebewesen. Und wenn die Schwere tiefer sitzt als ein müder Abend, ist es ein Akt von Selbstmitgefühl, sich Begleitung zu holen, bei einer Ärztin, einem Therapeuten oder einer Beratungsstelle. Das würdest du einem geliebten Menschen schließlich auch raten. Weitere Anregungen findest du in den 8 Wegen, Selbstliebe zur Gewohnheit zu machen.

Der Punkt in der Mitte des Kreises

Stell dir dein Mitgefühl einmal wie einen Kreis vor, den du jeden Tag um die Welt ziehst. Er reicht um die Menschen, die du liebst, um die Amsel an der Wasserschale und manchmal sogar um die gestresste Kassiererin am Samstagmorgen. Die meisten ziehen diesen Kreis großzügig und weit und vergessen dabei nur den einen Punkt, von dem aus sie ihn ziehen: die Mitte. Die Studie aus Montreal hält jetzt schwarz auf weiß fest, was Buddhaghosa vor rund 1.500 Jahren als Allererstes aufschrieb: Der Kreis wird erst rund, wenn du selbst darin stehst. Du darfst heute Abend damit anfangen, mit einer Hand auf dem Herzen und einem freundlichen Satz an dich selbst, und jedes Wesen in deinem Kreis wird ein wenig davon spüren.


Empfehlungen zum Thema:

Wenn du tiefer in das Thema Selbstmitgefühl einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Selbstmitgefühl von Kristin Neff*, das warm geschriebene Grundlagenbuch der Forscherin selbst, voller Übungen.
2) Metta Meditation von Sharon Salzberg*, eine behutsame Anleitung zur Meditation der liebenden Güte, die bei dir beginnt.
3) Plädoyer für die Tiere von Matthieu Ricard*, ein berührendes Buch darüber, warum echtes Mitgefühl alle fühlenden Wesen einschließt.
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Wem schenkst du dein Mitgefühl am leichtesten, und bist du selbst in diesem Kreis schon dabei? Wir freuen uns sehr, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren mit uns teilst.

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