Warum Vegan?☼ Gesundheit, Heilwissen

Eine Patientin zeigte ihm den Weg: Was einen Top-Kardiologen zur pflanzlichen Ernährung bewegte und sein Herz schützte

Ihre Brustschmerzen waren nach etwa sechs Wochen verschwunden, die Aufnahme ihres Herzens sah praktisch wieder normal aus. Diese Patientin brachte einen Kardiologen dazu, sein eigenes Leben umzustellen, und der Mann wurde später Präsident des größten Kardiologenverbands der USA.

 

Sie hatte keine neue Tablette bekommen und keinen Eingriff hinter sich. Sie hatte ihren Alltag verändert, und ihr Arzt Kim Allan Williams wollte wissen, warum das so gut wirkte.

Arzt im weißen Kittel mit verschränkten Armen hält ein rotes Stethoskop
Foto: Online Marketing / Unsplash

Was er dabei fand, ist der Grund für diesen Beitrag. Du erfährst hier, warum sich in einer Studie verengte Herzgefäße innerhalb eines Jahres zurückbildeten, statt weiter zuzuwachsen, weshalb von 177 Herzpatienten, die dabeiblieben, in knapp vier Jahren nur einer einen erneuten schweren Zwischenfall hatte, und warum in einer anderen Studie fast jeder zweite vegan essende Diabetiker seine Medikamente reduzieren konnte. Und es geht darum, warum nicht jede pflanzliche Kost dem Herzen gleich gut tut. Höchste Zeit, diese Geschichte zu erzählen.

Ein Chefarzt folgt seiner Patientin

Williams ist Nuklearkardiologe, er beurteilt Aufnahmen, die zeigen, wie gut der Herzmuskel durchblutet wird. Genau so eine Aufnahme hatte sich bei seiner Patientin verändert. Sie hatte das Programm des US-Arztes Dean Ornish befolgt: pflanzliche Kost, Bewegung, Meditation. Mehr nicht.

Williams erzählt das selbst, in einem Essay, den er 2014 kurz vor seiner Amtszeit als Verbandspräsident veröffentlichte. Er las nach, was die Forschung dazu hergab, und stellte 2003 seine eigene Ernährung um (ein Chefarzt, der dem Beispiel seiner Patientin folgt, das kommt nicht alle Tage vor). Dabei hielt er seine Kost bis dahin für vorbildlich. Seine Blutwerte sahen das anders, und nach sechs Wochen pflanzlicher Kost hatten sie sich deutlich verbessert.


Seitdem isst er pflanzlich, inzwischen seit über zwanzig Jahren. Und er hat sich angewöhnt, Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck oder verengten Herzgefäßen genau diese Ernährung ans Herz zu legen.

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.

Seneca, Briefe an Lucilius 104

Was in den Herzgefäßen passiert

Ornishs Programm war damals längst kein Geheimtipp mehr. Schon 1990 hatte er im Fachblatt The Lancet den Lifestyle Heart Trial veröffentlicht. 28 Herzpatienten stellten auf eine fettarme vegetarische Kost um, bewegten sich regelmäßig, lernten Stressabbau und hörten mit dem Rauchen auf. Eine Vergleichsgruppe von 20 Patienten bekam die übliche Behandlung. Nach einem Jahr wurden die Herzkranzgefäße erneut vermessen.

Verengte Gefäße galten lange als Einbahnstraße: Sie wachsen langsam zu, mehr passiert nicht. In der Programmgruppe lief es andersherum. Die Engstellen bildeten sich zurück, bei den stark verengten Stellen im Schnitt von 61 auf 56 Prozent. In der Vergleichsgruppe wuchsen sie weiter zu. Bei 82 Prozent der Programm-Teilnehmer ging die Entwicklung in Richtung Rückbildung, und das ohne cholesterinsenkende Medikamente. Wie Ornishs Lebensstil sogar bis in die Gene hineinwirkt, liest du in diesem Beitrag beschrieben.

Einen Schritt weiter ging der Chirurg Caldwell Esselstyn an der Cleveland Clinic. Er ließ auch zugesetzte Öle weg und beriet Herzpatienten, die zusätzlich zu ihrer üblichen Herzbehandlung umstellen wollten. 2014 wertete er 198 Patienten aus, 177 von ihnen blieben bei der Kost. In durchschnittlich 3,7 Jahren erlitt in dieser Gruppe nur ein einziger Mensch einen erneuten schweren Zwischenfall, einen Schlaganfall. Von den 21, die die Kost nicht durchhielten, waren es 13. Mehr über Esselstyns Ansatz findest du in diesem ausführlichen Beitrag.

Blutzucker und Herz hängen am selben Faden

Typ-2-Diabetes und verengte Gefäße gehen oft Hand in Hand, und Williams behandelt im Grunde beides. Der Arzt Neal Barnard teilte 2006 in einer Studie mit 99 Typ-2-Diabetikern die Teilnehmer in zwei Gruppen. Die eine aß fettarm vegan, die andere nach den Empfehlungen der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft. Nach 22 Wochen konnten 43 Prozent der vegan Essenden ihre Diabetes-Medikamente reduzieren, in der Vergleichsgruppe waren es 26 Prozent. In einer Fortsetzung über 74 Wochen zeigte sich der Vorteil auch nach anderthalb Jahren.

Falls du selbst Tabletten gegen Diabetes oder Bluthochdruck nimmst, gilt eine Sache: Die Umstellung kann so gut wirken, dass die Dosis angepasst werden muss. Das gehört deshalb in ärztliche Hände, am besten zu jemandem, der die Ernährung als Partnerin der Behandlung sieht. Wie eine Ärztin in der Slowakei auf diesem Weg 147 Diabetes-Patienten begleitet hat, liest du in unserem Beitrag dazu.

Pflanzlich ist nicht gleich pflanzlich

Arzt im weißen Kittel mit Stethoskop hält eine Schale mit Linsen, Kichererbsen, Spinat, Tomaten und Brokkoli

Aber pflanzlich allein reicht nicht. Forscher der Harvard-Universität um Ambika Satija werteten die Daten von über 200.000 Menschen aus und unterschieden genau. Auf der einen Seite stand eine gesunde pflanzliche Kost mit Vollkorn, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Nüssen. Auf der anderen eine ungesunde mit Weißmehl, Kartoffelprodukten, gesüßten Getränken und Süßigkeiten. Wer sich am gesündesten pflanzlich ernährte, hatte ein um 25 Prozent geringeres Risiko für Herzkrankheit. Wer viel aus der zweiten Gruppe aß, lag 32 Prozent höher.

Pommes und Weißbrot sind eben auch vegan. Eine zweite Auswertung mit gut 12.000 Erwachsenen, die fast 30 Jahre lang begleitet wurden, passt ins Bild: Bei den Menschen mit den meisten pflanzlichen Lebensmitteln auf dem Teller war das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um etwa 31 Prozent geringer.

Ein Witz, der hängen blieb

Jetzt wäre der Moment für einen Triumphzug. Ganz so einfach macht es sich Williams nicht. Gefragt, welche Studien noch fehlen, sagte er 2014 offen, es gebe einen relativen Mangel an randomisierten Belegen, also an großen Studien, in denen das Los entscheidet, wer welche Kost bekommt. Ehrlich gesagt macht ihn genau das glaubwürdig. Gewartet hat er trotzdem nicht.

Stattdessen prägte er einen Satz, den er selbst als Witz verpackt: „Es gibt zwei Arten von Kardiologen: Veganer und die, die die Daten nicht gelesen haben.“ Als er 2015 an die Spitze des American College of Cardiology rückte, machte der Satz die Runde. Und 2019 saß Williams als Mitautor in der US-Leitlinie zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die eine Ernährung mit Schwerpunkt auf Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen und Vollkorn empfiehlt.

Was uns an ihm am meisten beeindruckt, steht ein paar Zeilen weiter in seinem Essay. Er stellte seinem eigenen Fachverband eine Frage, die man von einem künftigen Präsidenten kaum erwartet:

Wäre es nicht ein lobenswertes Ziel für das American College of Cardiology, uns innerhalb von ein oder zwei Generationen selbst überflüssig zu machen?

Kim Allan Williams, CardioExchange 2014 (übersetzt)

Das ist der Kern. Ein Stent weitet eine Engstelle, die Ursache bleibt. Was auf dem Teller passiert, setzt davor an. Dass dieses Wissen trotzdem so selten im Sprechzimmer landet, sagt weniger über seine Wirksamkeit als über ein System, das eher repariert als vorbeugt. Wer davon profitiert, dass alles bleibt, wie es ist, ist eine Frage, die sich jeder selbst beantworten kann. Uns ärgert es, wie lange solche Erkenntnisse in Fachblättern liegen, bevor sie bei den Menschen ankommen, die sie brauchen.

Sechs Wochen, wie bei Williams

Seine Umstellung lässt sich ausprobieren. Welche Zahl am Ende auf deinem Laborzettel steht, ist bei jedem anders, aber sechs Wochen sind überschaubar, und der Vergleich zeigt dir schwarz auf weiß, wie dein Körper reagiert.

1) Lass vorher beim Hausarzt deine Blutwerte bestimmen, etwa die Blutfette und, wenn du magst, den Langzeitzucker HbA1c. Nur so siehst du später, was sich wirklich verändert hat, und hast eine gute Grundlage für das Gespräch über deine Medikamente.

2) Bring jeden Tag Hülsenfrüchte auf den Teller, ob Linsen, Kichererbsen oder Bohnen. Sie gehören in der Harvard-Auswertung ganz klar auf die gesunde Seite und machen dazu lange satt.

3) Greif zu Vollkorn statt Weißmehl und zu einer Handvoll Nüsse statt zu Süßem, denn genau dieser Unterschied trennte in der Harvard-Auswertung die gesunde von der ungesunden pflanzlichen Kost. Welche Lebensmittel deinen Gefäßen besonders guttun, steht in diesem Beitrag gesammelt.

4) Notier dir in den sechs Wochen ab und zu deinen Blutdruck und wie du dich fühlst, und lass am Ende deine Blutwerte erneut messen. Den HbA1c lohnt es sich erst nach etwa drei Monaten zu kontrollieren, weil er den Blutzucker der letzten drei Monate abbildet und nach sechs Wochen noch die Zeit vor der Umstellung mitzählt. So wirst du zum Beobachter deines eigenen Körpers, und dieser Vorher-Nachher-Vergleich motiviert mehr als jeder gute Vorsatz.

Vielleicht ist das die schönste Wendung dieser Geschichte: Nicht der Arzt hat die Patientin belehrt, sie hat ihm den Weg gezeigt. Und dieser Weg führt durch die eigene Küche. Dreimal am Tag sitzt du dort am Tisch und triffst eine kleine Entscheidung für dein Herz, ganz ohne Rezept und Wartezimmer. Mit jedem Teller voller Linsen, Gemüse und Vollkorn gibst du ihm etwas zurück, still und jeden Tag aufs Neue!


Empfehlungen zum Thema:

Wenn du tiefer in das Thema Herzgesundheit und pflanzliche Ernährung einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) Essen gegen Herzinfarkt von Caldwell Esselstyn*, das Programm hinter der Studie mit 198 Herzpatienten, samt Rezepten.
2) How Not to Die von Michael Greger*, die Studienlage zu Herz, Diabetes und Co. verständlich aufbereitet.
3) Dr. Barnards revolutionäre Methode gegen Diabetes*, vom Leiter der Diabetes-Studie selbst, mit konkretem Ernährungsplan.
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Hast du schon einmal erlebt, wie sich deine Werte oder dein Befinden nach einer Ernährungsumstellung verändert haben? Wir freuen uns sehr, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren mit uns teilst.

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