Der Film, nach dem du Erfolg anders siehst: Wayne Dyers „Shift – Das Geheimnis der Inspiration“ in voller Länge
Der Film beginnt mit einem Satz, den C. G. Jung 1930 aufgeschrieben hat: Den Nachmittag des Lebens kann niemand nach dem Programm des Vormittags leben. Danach schaust du zu, wie ein Geschäftsmann, eine Mutter und ein mürrischer Regisseur genau das versuchen.
Es ist halb sieben am Morgen, und David hat keine Lust. „Das ist nur ein Job“, sagt der junge Regisseur zu seinem Team. Gedreht werden sollen ein paar Interviews mit Wayne Dyer in einem Gasthaus an der kalifornischen Pazifikküste. Im selben Haus landen an diesem Wochenende ein Geschäftsmann, der auch hier ständig arbeitet, seine Frau, die schwanger ist, obwohl der Ehevertrag keine Kinder vorsieht, und eine Mutter von zwei Kindern, die seit Jahren für alle da ist. Nur nicht für sich.
„Shift“ ist halb Spielfilm, halb Gespräch, und Dyer spielt darin sich selbst. Du erfährst, welche sechs Sätze dir das Ego laut Dyer einredet, und du lernst eine Studie mit 55 Menschen kennen, in der bei den Männern Reichtum vor ihrer Lebenswende auf Platz eins stand und danach nicht einmal mehr unter den ersten fünf. Dazu erzählt Dyer, was ihm eines Nachts um vier Uhr passiert ist, nachdem er jahrelang zwei Bier auf einmal bestellt hatte. Gönn dir den Film an einem ruhigen Abend!
Hier kannst du „Shift“ in voller Länge ansehen
Das ist die komplette deutsche Fassung, gedreht 2009 von Michael A. Goorjian. Sollte das Video eines Tages verschwinden (genau das ist mit der ersten Fassung dieses Beitrags passiert), zeigt der US-Sender OWN den Film im englischen Original. Auf Deutsch gibt es ihn als DVD, deren Hülle den Titel schön erklärt: Shift sei „jener eine entscheidende Augenblick, in dem das Leben plötzlich eine andere Wendung nimmt“.
„Irgendwann kapieren wir es alle. […] Worauf es ankommt, ist doch wirklich, dass wir nicht erst sterben sollten, um es zu verstehen. Wir sollten es schon kapieren, solange wir hier sind.“
Wayne W. Dyer im Film „Shift“, deutsche Fassung
Ein Satz aus dem Jahr 1930
C. G. Jung war Mitte fünfzig, als er seinen Aufsatz „Die Lebenswende“ schrieb. Den Vormittag des Lebens, so sah er es, verbringt der Mensch damit, sich einen Platz in der Welt zu erobern. Um die Lebensmitte kippt etwas. Was bisher getragen hat, trägt plötzlich nicht mehr, und die meisten merken es erst, wenn es längst so weit ist.
„Aufs tiefste unvorbereitet treten wir in den Lebensnachmittag, schlimmer noch, wir tun es unter der falschen Voraussetzung unserer bisherigen Wahrheiten und Ideale. Wir können den Nachmittag des Lebens nicht nach demselben Programm leben wie den Morgen, denn was am Morgen viel ist, wird am Abend wenig sein, und was am Morgen wahr ist, wird am Abend unwahr sein.“
C. G. Jung, Die Lebenswende (1930), Gesammelte Werke Band 8, § 784
Dyer nennt diesen Übergang im Film den Weg „vom Ehrgeiz zur Bedeutung“. Man könnte glauben, so ein Wechsel komme mit den Jahren von allein, wie die ersten grauen Haare. Jung beschreibt das Gegenteil: Gerade weil die alten Wahrheiten so lange funktioniert haben, hält man an ihnen fest.
Was dabei gern untergeht: Ein Rezept liefert Jung nicht. Auf diesen Nachmittag bereitet niemand vor, keine Schule, kein Arbeitgeber, kaum eine Familie. Das ärgert uns ehrlich gesagt bis heute. Für den Vormittag gibt es Lehrpläne und Karriereberatung, für den Nachmittag meistens nur eine Krise.
Drei Menschen, ein Gasthaus am Pazifik
Der Geschäftsmann fährt im Porsche vor und legt das Telefon kaum aus der Hand, seine Frau will plötzlich unbedingt mitkommen. Und David wartet nervös auf den Rückruf seines Agenten, weil er sich endlich einen Namen machen will.
Dyer predigt keinem von ihnen etwas vor. Er sitzt vor Davids Kamera, und seine Sätze laufen weiter, während die Bilder längst bei den anderen sind.
Aber der Film hat auch einen Zweifler eingebaut, und das macht ihn glaubwürdig. David hält das alles im Großen und Ganzen für Blödsinn, und irgendwann bekommt Dyer das mit. Er bleibt freundlich: „Sie müssen das nicht auf einmal verstehen, Sie können das scheibchenweise aufnehmen.“ Einen ähnlich ungewöhnlichen Lehrer findest du in „Der friedvolle Krieger“.
Sechs Sätze, die dir das Ego einredet
Das Herzstück des Films ist Dyers Beschreibung des Ego, also des Teils, der dir einredet: „Dein wahres Ich ist, was du hast.“ „Das fängt mit unserem Spielzeug an“, sagt Dyer, „dann kommen das Bankkonto und alle unsere Besitztümer.“ Sechs solcher Sätze zählt er auf.
1) „Ich bin, was ich habe.“ Je mehr man besitzt, desto mehr glaubt man wert zu sein. Frag dich, was du zuletzt gekauft hast, um dich besser zu fühlen, und wie lange das gehalten hat.
2) „Ich bin, was ich tue.“ Aus dem Tun wird Leistung und aus der Leistung der eigene Wert. Die Gegenfrage: Wer bist du an einem Tag, an dem du nichts schaffst?
3) „Ich bin, was andere von mir denken.“ Von Kind an lernen viele, sich so anzuziehen, wie es anderen gefällt. Wessen Urteil fürchtest du eigentlich, wenn du etwas Neues wieder nicht anfängst?
4) „Ich bin von allen anderen getrennt.“ Dann wird das Leben zum Wettkampf, und jeder fremde Erfolg fühlt sich an wie ein Stück vom eigenen Kuchen.
5) „Ich bin getrennt von dem, was mir fehlt.“ Man sei, sagt Dyer, „im Geiste bereits mit allem in Verbindung“, was einem zu fehlen scheint. Warum Mangel trotzdem so zäh ist, erklärt Alan Watts in Warum du nie genug hast.
6) „Ich bin getrennt von Gott.“ Das nennt Dyer „den schlimmsten Fehler von allen“, und wie man die Quelle nennt, aus der alles kommt, ist ihm gleich: „Wir können sie Gott nennen oder das Tao.“ Vielleicht ist das der leiseste Gedanke des Films: Die Seele war nie getrennt von dem, wonach sie sucht. Sie hat es nur vergessen.
Ein kleiner Versuch für die kommende Woche: Schreib die sechs Sätze auf einen Zettel, leg ihn neben dein Handy und mach abends einen Strich hinter den Satz, der dich an diesem Tag am meisten gesteuert hat. Ein Gedanke, den du beim Namen nennen kannst, hat weniger Macht über dich. Wie diese Maske entsteht, liest du im Beitrag über das fiktive Ego.
Was 55 Menschen nach ihrer Lebenswende anders sahen
Dazu bringt Dyer eine Studie mit. Die Psychologen William Miller und Janet C’de Baca von der University of New Mexico befragten 55 Menschen, die einen plötzlichen, tiefen Wandel erlebt hatten, einen „Quantenmoment“, wie es im Film heißt.
In der Studie, so wie Dyer sie vorstellt, standen bei den Männern vorher Reichtum, Abenteuer, Leistung, Vergnügen und Respekt ganz oben. Danach lautete die Liste: Spiritualität, innerer Frieden, Familie, Gottes Wille, Ehrlichkeit. Spiritualität war laut Dyer vorher nicht einmal unter den ersten fünfzehn.
Bei den Frauen würde man erwarten, dass die Familie oben bleibt. Vorher stand sie dort auch, vor Unabhängigkeit, Karriere, Dazugehören und Attraktivität. Hinterher hieß die Reihenfolge: persönliches Wachstum, Selbstwert, Spiritualität, Glück, Vergebung. Glück stand vorher fast ganz unten, und wer der Mutter im Film eine Weile zuschaut, versteht, warum.
Bei denen, die rund zehn Jahre später noch einmal befragt wurden, hat es gehalten. Von den 30 erneut Interviewten erinnerten sich die meisten sehr lebhaft an ihren Moment, und keiner beschrieb eine Rückkehr zum alten Leben. Wer den eigenen Werten auf die Spur kommen will, findet Anregungen im Beitrag 10 Schritte, um deine Bestimmung zu finden.
Der Mann, der zwei Bier auf einmal bestellte
Wayne Dyer wurde 1940 in Detroit geboren. Nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, verbrachte er große Teile seiner Kindheit in Waisenhäusern und Pflegefamilien. Sein erstes großes Buch, „Your Erroneous Zones“ von 1976, machte er im Grunde selbst zum Bestseller: Er fuhr mit einem Kombi voller Bücher durchs Land, gab Radiointerviews und klapperte Buchhandlungen ab. Ausgerechnet dieser Mann lehrte später den Weg vom Ehrgeiz zur Bedeutung. Ein Widerspruch ist das eigentlich nicht, denn den Vormittag kannte er aus eigener Erfahrung sehr genau.
Sein eigener Quantenmoment klingt im Film erstaunlich unspektakulär. Fünfzehn, zwanzig Jahre lang trank er zwei oder drei Bier am Tag, im Restaurant bestellte er gleich zwei auf einmal, damit das zweite schon bereitstand. Dann kam eine Nacht, nach der er mit dem Trinken aufhörte. Was gegen vier Uhr morgens geschah, erzählt er im Film selbst, und das solltest du von ihm hören. Nur so viel: Er habe gewusst, dass diese Veränderung fällig war, und vielleicht weiß die Seele so etwas immer ein wenig früher als der Kopf.
Ende August 2015 starb Dyer auf Maui, sieben Monate nach der ersten Fassung dieses Beitrags. Mehr von ihm findest du in den 11 Lebenslektionen von Wayne Dyer.
Ein Abend für deinen Nachmittag
Knapp zwei Stunden sind viel für einen Werktag. Nimm Dyers Rat an David wörtlich und schau den Film scheibchenweise, an zwei Abenden, mit einer Tasse Tee und einem Zettel daneben. Darauf gehört nur eine Frage, direkt aus Jungs Satz: Was war an deinem Vormittag groß, das heute klein geworden ist? Die Antwort kommt oft erst Tage später (beim Abwasch oder auf dem Weg zur Arbeit).
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
Hermann Hesse, Stufen (1941)
Der Nachmittag des Lebens hat wenig mit der Uhr zu tun und auch nicht unbedingt mit dem fünfzigsten Geburtstag. Er beginnt an dem Abend, an dem du dir zum ersten Mal erlaubst, statt „Was kommt als Nächstes?“ zu fragen: „Wofür eigentlich?“ Mit dieser Frage meldet sich die Seele zurück. Und falls dir dabei manches einfällt, das du heute anders machen würdest: Dein Vormittag war nicht falsch. Er war die Stufe, ohne die du die nächste gar nicht sehen könntest.
Empfehlungen zum Thema:
Wenn du tiefer in Wayne Dyers Weg vom Ehrgeiz zur Bedeutung einsteigen möchtest, findest du hier die besten Begleiter zu diesem Thema:
1) SHIFT, die DVD zum Film*, für den Fall, dass das Video auf YouTube einmal verschwindet.
2) SHIFT: Der Augenblick, in dem sich alles verändert*, Dyers Buch zum Film, zum Nachlesen in Ruhe.
3) Ändere deine Gedanken und dein Leben ändert sich*, Dyers Jahr mit den 81 Versen des Tao te king.
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