De-Digitalisierung im Unterricht: Schweden und Dänemark nehmen Schulkindern die Tablets weg

Es klingt zunächst paradox: ausgerechnet Schweden und Dänemark, zwei der digitalisiertesten Länder der Welt, rudern beim Einsatz von Tablets und Laptops im Klassenzimmer zurück. Schulkinder bekommen wieder gedruckte Bücher in die Hand, Stifte statt Touchscreens und Tafelbilder statt interaktive Whiteboards. Was auf den ersten Blick wie ein Rückschritt wirkt, basiert auf einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Erkenntnisse, die zeigen, dass die unkritische Digitalisierung des Unterrichts mehr schadet als nutzt – besonders bei jüngeren Kindern.
wenn du Kinder hast oder im pädagogischen Bereich arbeitest, solltest du diese Entwicklung genau kennen. Denn sie betrifft nicht nur Skandinavien, sondern wirft grundlegende Fragen auf, die auch für Deutschland, Österreich und die Schweiz hochrelevant sind.
Was genau passiert in Schweden und Dänemark?
im Juni 2023 verkündete Schwedens Bildungsministerin Lotta Edholm eine bildungspolitische Kehrtwende. Die Regierung stoppte die nationale Digitalstrategie für Vorschulen und kündigte an, Milliarden Kronen in gedruckte Schulbücher zu investieren statt in weitere Tablets. Der Grund: alarmierende Ergebnisse der internationalen Lesestudie PIRLS 2021, die einen deutlichen Rückgang der Lesekompetenz schwedischer Viertklässler dokumentierte. Schweden fiel im internationalen Vergleich merklich zurück, obwohl das Land jahrelang massiv in die digitale Schulausstattung investiert hatte.
das Karolinska Institut, eine der weltweit renommiertesten medizinischen Universitäten, veröffentlichte ein wissenschaftliches Gutachten für die schwedische Regierung. Darin stellen die Forschenden klar: Es gibt keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz dafür, dass digitale Lernmittel die schulischen Leistungen verbessern. Im Gegenteil deute vieles darauf hin, dass exzessiver Bildschirmgebrauch die kognitive Entwicklung von Kindern beeinträchtigt.
in Dänemark zeigt sich ein ähnliches Bild. Mehrere Kommunen haben begonnen, die Nutzung von Smartphones und Tablets im Unterricht stark einzuschränken oder vollständig zu verbieten. Eine Studie der Universität Aarhus belegt, dass Schüler nach einem Smartphone-Verbot bessere Prüfungsergebnisse erzielten, insbesondere leistungsschwächere Kinder profitierten überdurchschnittlich stark.
Warum digitale Geräte im Klassenzimmer problematisch sind
die Entscheidung Schwedens und Dänemarks fällt nicht aus dem Nichts. Eine beeindruckende Menge an Forschungsergebnissen zeigt, dass der frühe und intensive Einsatz digitaler Medien bei Kindern erhebliche Risiken birgt. Diese betreffen mehrere Bereiche gleichzeitig.
Lesekompetenz und Textverständnis leiden
eine umfangreiche Metaanalyse von Delgado et al. (2018), veröffentlicht im Review of Educational Research, untersuchte 54 Studien mit über 170.000 Teilnehmenden. Das Ergebnis war eindeutig: Das Leseverständnis ist beim Lesen auf Papier signifikant besser als beim Lesen auf Bildschirmen. Dieser sogenannte “Screen Inferiority Effect” verstärkt sich bei Zeitdruck und bei informativen Texten, also genau den Bedingungen, die im Schulalltag typisch sind.
wenn du dir vorstellst, wie ein Kind einen komplexen Sachtext auf dem Tablet liest, gleichzeitig Benachrichtigungen aufpoppen und der Finger automatisch zum Scrollen verleitet, wird schnell klar, warum tiefes Textverständnis auf dem Bildschirm schwieriger zu erreichen ist.
Handschrift fördert das Lernen stärker als Tippen
ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Art, wie Kinder schreiben. Eine Studie der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) konnte mittels EEG-Messungen nachweisen, dass das Schreiben mit der Hand deutlich mehr Gehirnareale aktiviert als das Tippen auf einer Tastatur. Besonders Regionen, die für Gedächtnis, Sprache und motorisches Lernen zuständig sind, werden beim Handschreiben stärker beansprucht. Die Forschenden um Audrey van der Meer empfehlen daher ausdrücklich, Handschrift im schulischen Kontext beizubehalten.
als Heilpraktiker beobachte ich seit Jahren, dass Kinder, die viel handschriftlich arbeiten, eine bessere Feinmotorik, eine höhere Konzentrationsfähigkeit und ein stärkeres Körperbewusstsein entwickeln. Die Hand-Auge-Koordination beim Schreiben wirkt sich positiv auf das gesamte Nervensystem aus.
Konzentration und Aufmerksamkeit werden gestört
digitale Geräte bieten eine Flut von Reizen: Farben, Töne, Animationen, Links, Apps. Für das kindliche Gehirn, das sich noch in der Entwicklung befindet, stellt das eine permanente Überforderung des Aufmerksamkeitssystems dar. Eine Studie von Firth et al. (2019), veröffentlicht in World Psychiatry, zeigt, dass intensive Internetnutzung messbare Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis und soziale Kognition hat. Die Autoren warnen davor, dass besonders Kinder und Jugendliche anfällig für diese Effekte sind, weil ihr präfrontaler Kortex noch nicht vollständig ausgereift ist.
die OECD-Studie “Students, Computers and Learning” (2015) kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Länder, die massiv in Computertechnologie im Unterricht investiert haben, zeigen keine nennenswerte Verbesserung der Schülerleistungen in Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften. In manchen Fällen verschlechterten sich die Ergebnisse sogar.
Schlafstörungen durch Blaulicht und Überstimulation
wenn Kinder bis in den Abend hinein Tablets nutzen, stört das künstliche Blaulicht die körpereigene Melatoninproduktion erheblich. Eine umfassende Metaanalyse von Hale und Guan (2015) im Sleep Medicine Reviews zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Schlafproblemen bei Kindern und Jugendlichen: weniger Gesamtschlaf, längere Einschlafzeiten und schlechtere Schlafqualität.
aus meiner heilpraktischen Erfahrung weiß ich, dass Schlaf eine der wichtigsten Säulen für die kindliche Entwicklung ist. Im Schlaf werden Lernprozesse konsolidiert, das Immunsystem regeneriert sich und emotionale Eindrücke werden verarbeitet. Chronischer Schlafmangel bei Kindern kann zu Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und sogar Wachstumsverzögerungen führen.
Soziale und emotionale Entwicklung wird beeinträchtigt
jede Minute, die ein Kind auf einen Bildschirm schaut, ist eine Minute weniger für echte soziale Interaktion, freies Spiel und körperliche Bewegung. Eine Studie von Twenge und Campbell (2018) fand heraus, dass Jugendliche mit hoher Bildschirmzeit signifikant häufiger unter Angst, Depression und geringem psychischem Wohlbefinden leiden.
die American Academy of Pediatrics empfiehlt in ihren aktuellen Leitlinien, Bildschirmzeit für Kinder unter sechs Jahren stark zu begrenzen und bei älteren Kindern auf konsistente Zeitlimits zu achten, die ausreichend Raum für Schlaf, Bewegung und persönliche Interaktion lassen.
Was du aus ganzheitlicher Sicht beachten solltest
auf körperlicher Ebene sehe ich in meiner Praxis zunehmend Kinder mit Nacken- und Rückenproblemen, Kopfschmerzen und Augenbeschwerden, die direkt mit langer Bildschirmnutzung zusammenhängen. Die WHO empfiehlt für Kinder unter fünf Jahren maximal eine Stunde Bildschirmzeit täglich und betont die Bedeutung von körperlicher Aktivität für eine gesunde Entwicklung.
auf geistiger Ebene berichten Eltern häufig von Konzentrationsschwierigkeiten, innerer Unruhe und einer stark verkürzten Aufmerksamkeitsspanne. Kinder gewöhnen sich an schnelle Belohnungszyklen digitaler Medien und verlieren die Fähigkeit, sich über längere Zeiträume auf eine einzelne Aufgabe einzulassen. In der Naturheilkunde arbeiten wir hier unter anderem mit Achtsamkeitsübungen, Atemtechniken und Bewegung in der Natur, um das Nervensystem wieder zu regulieren.
auf seelischer Ebene fehlen vielen Kindern echte Naturerfahrungen und tiefe zwischenmenschliche Begegnungen. Eine Studie von Bratman et al. (2019), veröffentlicht in Science Advances, belegt eindrucksvoll, dass Kontakt mit der Natur Stress reduziert, die Stimmung verbessert und kognitive Funktionen stärkt. Gerade als Gegengewicht zur digitalen Welt ist regelmäßiger Naturaufenthalt für Kinder unverzichtbar.
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