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Frankreich hat offiziell die Verwendung von Wildtieren in Zirkussen verboten

Frankreich hat offiziell die Verwendung von Wildtieren in Zirkussen verboten – und damit ein Zeichen gesetzt, das weit über die Landesgrenzen hinaus Wirkung zeigt. Wenn du dich jemals gefragt hast, warum Elefanten, Tiger, Löwen und andere Wildtiere nichts in der Manege verloren haben, liefert dir dieser Beitrag die wissenschaftlichen, ethischen und rechtlichen Hintergründe zu einer Entscheidung, die längst überfällig war.

Was genau wurde beschlossen?

Am 30. November 2021 verabschiedete die französische Nationalversammlung das Gesetz Nr. 2021-1539 gegen Tiermissbrauch, das unter anderem ein schrittweises Verbot von Wildtieren in reisenden Zirkussen vorsieht (Légifrance – Loi n° 2021-1539). Den Zirkusbetrieben wurde eine Übergangsfrist von sieben Jahren eingeräumt, um sich anzupassen, bestehende Tiere in Auffangstationen unterzubringen und ihr Programm auf rein menschliche Darbietungen umzustellen. Seit Dezember 2023 dürfen keine neuen Wildtiere mehr angeschafft werden, und bis spätestens 2028 soll kein Wildtier mehr in einer französischen Zirkusmanege auftreten.

Das Gesetz betrifft nicht nur Zirkusse. Es umfasst auch ein Verbot der Haltung von Delfinen und Orcas in Delfinarien sowie ein Verbot von Nerzfarmen zur Pelzgewinnung. Frankreich reiht sich damit in eine wachsende Liste von über 50 Ländern weltweit ein, die bereits ähnliche Verbote erlassen haben (Animal Defenders International – Circus Bans).

Warum Wildtiere im Zirkus leiden

Vielleicht hast du als Kind selbst einen Zirkus besucht und dich über die Kunststücke der Tiere gewundert. Doch hinter dem Glanz der Manege verbirgt sich eine systematische Leidensgeschichte, die durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt ist.


Chronischer Stress und Verhaltensstörungen

Wildtiere in Gefangenschaft zeigen häufig sogenannte Stereotypien – sich ständig wiederholende, zwecklose Bewegungsmuster wie das endlose Hin- und Herlaufen von Großkatzen oder das rhythmische Kopfwippen von Elefanten. Eine umfassende Studie von Mason und Latham (2004), veröffentlicht in Applied Animal Behaviour Science, konnte nachweisen, dass solche Verhaltensstörungen direkte Indikatoren für schlechtes Wohlbefinden sind und auf chronischen Stress, Frustration und mangelnde Umweltreize hindeuten (Mason & Latham, 2004 – Stereotypies as animal welfare indicators).

Besonders betroffen sind Elefanten in Zirkussen. Eine wegweisende Untersuchung von Clubb und Mason (2002) im Auftrag der Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA) dokumentierte, dass Zirkuselefanten bis zu 95% ihrer Zeit angekettet verbringen und dabei massive Gelenkprobleme, Fußkrankheiten und psychische Störungen entwickeln (Clubb & Mason, 2002 – A Review of the Welfare of Zoo Elephants in Europe).

Unnatürliche Lebensbedingungen

Stell dir vor, du müsstest dein gesamtes Leben in einem Raum verbringen, der kaum größer ist als ein Badezimmer. Genau das erleben viele Zirkustiere. Großkatzen wie Tiger und Löwen haben in freier Wildbahn Streifgebiete von bis zu 400 Quadratkilometern. Im Zirkus stehen ihnen oft nur wenige Quadratmeter in einem Transportwagen zur Verfügung. Eine Studie von Clubb und Mason (2003), publiziert in Nature, zeigte einen direkten Zusammenhang zwischen der natürlichen Reviergröße von Raubtieren und ihrem Stresslevel in Gefangenschaft: Je größer das natürliche Streifgebiet, desto stärker die Verhaltensstörungen in beengten Verhältnissen (Clubb & Mason, 2003 – Animal welfare: Captivity effects on wide-ranging carnivores).

Trainingsmethoden und körperliche Schäden

Die Trainingsmethoden in Zirkussen basieren historisch auf Dominanz und Bestrafung. Investigative Recherchen von Organisationen wie Animal Defenders International (ADI) haben wiederholt dokumentiert, wie Tiere mit Elefantenhaken, Elektroschockern und Peitschen zum Gehorsam gezwungen werden (ADI – Undercover Investigations). Eine Analyse von Kiley-Worthington (1990) stellte zwar fest, dass nicht alle Trainer gewalttätig vorgehen, räumte aber ein, dass die grundlegenden Haltungsbedingungen im Zirkus den Bedürfnissen von Wildtieren niemals gerecht werden können (Kiley-Worthington, 1990 – Animals in Circuses and Zoos).

Die wissenschaftliche Grundlage des Verbots

Frankreichs Entscheidung basiert nicht auf Emotionen, sondern auf einer soliden wissenschaftlichen Datenlage. Mehrere Gutachten und Meta-Analysen haben die Faktenlage unmissverständlich geklärt.

Die British Veterinary Association (BVA) forderte bereits 2016 ein vollständiges Verbot von Wildtieren in reisenden Zirkussen und verwies auf die überwältigende wissenschaftliche Evidenz, dass deren Bedürfnisse in diesem Umfeld nicht erfüllt werden können (BVA Position Statement on Wild Animals in Circuses).

Eine von der walisischen Regierung in Auftrag gegebene unabhängige wissenschaftliche Überprüfung durch Professor Stephen Harris (2016) kam zu dem Schluss, dass es keinen vertretbaren Weg gibt, Wildtiere in reisenden Zirkussen artgerecht zu halten. Die ständigen Transporte, die beengten Räumlichkeiten und der Zwang zu unnatürlichen Verhaltensweisen seien unvereinbar mit den grundlegenden Bedürfnissen dieser Tiere (Harris et al., 2016 – The welfare of wild animals in travelling circuses).

Auch die Federation of Veterinarians of Europe (FVE), die über 300.000 Tierärzte in ganz Europa vertritt, sprach sich unmissverständlich gegen die Haltung von Wildtieren in Zirkussen aus und bezeichnete die Praxis als nicht mit modernen Tierschutzstandards vereinbar (FVE Position Paper on Wild Animals in Circuses).

Welche Länder haben bereits ähnliche Verbote?

Frankreich ist bei weitem nicht das erste Land, das diesen Schritt gegangen ist. Tatsächlich existiert eine globale Bewegung, die immer mehr an Dynamik gewinnt:

Bolivien war 2009 das erste Land der Welt, das sämtliche Tiere in Zirkussen verbot. Es folgten unter anderem Österreich, Belgien, Griechenland, die Niederlande, Finnland, Dänemark, Schweden, Indien, Israel, Singapur, Costa Rica, Kolumbien, Peru, Mexiko, Italien und viele weitere Staaten. In Großbritannien trat das Verbot 2020 in Kraft (Wild Animals in Circuses Act 2019 – UK Government).

In Deutschland gibt es bisher leider kein bundesweites Verbot. Zwar haben über 100 Kommunen eigene Verbote oder Einschränkungen für Wildtiere in Zirkussen erlassen, doch ein einheitliches nationales Gesetz fehlt nach wie vor. Der Deutsche Tierschutzbund fordert seit Jahren ein umfassendes Verbot und verweist auf die wissenschaftlich unhaltbare Situation (Deutscher Tierschutzbund – Wildtiere im Zirkus).

Was passiert mit den Tieren nach dem Verbot?

Eine berechtigte Frage, die du dir sicher stellst: Wohin kommen die Tiere, wenn sie nicht mehr auftreten dürfen? Frankreich hat im Rahmen des Gesetzes finanzielle Mittel bereitgestellt, um die Unterbringung der Tiere in geeigneten Auffangstationen und Reservaten zu finanzieren. Organisationen wie die Born Free Foundation betreiben weltweit Schutzzentren, in denen ehemalige Zirkustiere ein artgerechteres Leben führen können (Born Free Foundation – Rescue and Care).

Das Schicksal ehemaliger Zirkuselefanten wurde in einer Studie von Greco et al. (2016) untersucht, die zeigte, dass Tiere nach der Überführung in angemessene Haltungsbedingungen signifikante Verbesserungen im Verhalten und eine Reduktion von Stereotypien aufweisen, auch wenn manche Schäden nach Jahren der Gefangenschaft irreversibel bleiben (Greco et al., 2016 – Elephant Management in North American Zoos).

Fazit

Frankreichs Verbot von Wildtieren in Zirkussen ist ein überfälliger Schritt, der wissenschaftlich, ethisch und gesellschaftlich auf einem soliden Fundament steht. Die Zeiten, in denen wir uns auf Kosten leidensfähiger Wesen unterhalten lassen, gehen zu Ende. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann die restlichen Länder nachziehen werden. Jede einzelne Entscheidung, die du als Verbraucher triffst, bringt uns diesem Ziel ein Stück näher. Denn Unterhaltung darf niemals auf dem Leid anderer Lebewesen aufgebaut sein.

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